Ehrenamtliche können manches auch besser!

Ein Gespräch zwischen Vater und Sohn über ihren gemeinsamen Beruf, Veränderungen in der Kirche und das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Kirchengemeinde.

Simon de Vries: Wenn wir uns heute über Ämter in der Kirche unterhalten, dann kannst du ja aus eigener Erfahrung über ganz verschiedene Ämter sprechen. Du bist Organist gewesen, Gemeindepastor, Landesjugendpastor, dann Landessuperintendent und jetzt seit einigen Jahren Geistlicher Vizepräsident des Landeskirchenamts. Kannst du sagen, welches das Schönste dieser Ämter für dich gewesen ist?

Arend de Vries: Eigentlich hat jedes Amt etwas Schönes gehabt: Angefangen habe ich ja auch einmal als Ehrenamtlicher in der Jugendarbeit. Damals habe ich gemerkt, dass man als Ehrenamtlicher viel bewegen kann. Als Organist habe ich die Welt der Kirchenmusik für mich entdeckt. Und die erste Pfarrstelle – das war etwas ganz Besonderes. Ich habe gemerkt, dass ich für Menschen in bestimmten Lebenssituationen ganz wichtig gewesen bin, z. B. bei Beerdigungen oder mit Jugendlichen auf Freizeiten.

Würdest du denn sagen, dass dir Vertrauen entgegengebracht worden ist, weil du dieses Amt des Pastors hattest?

Das Amt kommt da sicherlich mit der Person zusammen. Die Menschen sind mir schon anders begegnet, als wenn ich ein Ehrenamtlicher gewesen wäre. Aber das Amt muss auch von der Person ausgefüllt werden. Als Gemeindepastor hatte ich auch die Aufgabe, die Gemeinde zusammenzuhalten und nach gemeinsamen Wegen zu suchen. Als Landesjugendpastor habe ich dann ein sogenanntes „Funktionspfarramt“ bekleidet. Da hat mir Freude gemacht, Jugendarbeit für die ganze Landeskirche zu entwickeln. Ich hatte allerdings fast nur mit Hauptamtlichen zu tun und mir haben die Jugendlichen gefehlt. Am liebsten bin ich Landessuperintendent gewesen. Ich durfte viele schöne Gottesdienste erleben und mitgestalten, und ich war Seelsorger für Menschen, die in der Kirche arbeiten, Ehrenamtliche und Hauptamtliche.

Und jetzt bist du Geistlicher Vizepräsident. Manchmal fragen mich Leute, was das eigentlich ist und was du machst. Ich antworte dann häufig, dass ich mir manchmal dieselbe Frage stelle. Kannst du mir mal drei Sätze geben, damit ich in diesen Situationen eine gute Antwort parat habe?

(lacht) Soll ich dir das am besten aufschreiben? In diesem Amt geht es um die Vertretung der ganzen Landeskirche und um die Bearbeitung von theologischen Grundsatzfragen. Ich bin auch verantwortlich für die großen Einrichtungen unserer Kirche, unter anderem die Akademie in Loccum, das Haus kirchlicher Dienste und das Medienservicezentrum. Dieses Amt hat viel mit Aufsicht zu tun, aber auch damit, zu überlegen, wo es mit unserer Kirche in Zukunft hingeht. An manchen Stellen vertrete ich auch unseren Landesbischof.

Nimmst du wahr, dass sich der Beruf des Diakons/der Diakonin und der des Pastors/der Pastorin verändert?

Ich halte beide Berufsgruppen für ganz wichtig, weil beide je eigene Kompetenzen mitbringen und sich im besten Fall ergänzen. Diakoninnen und Diakone können gut mit Zielgruppen arbeiten, besonders wünsche ich mir das für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Der Pastorenberuf ist heute sehr vielseitig. Er kann auch zu einer Überforderung werden, wenn die Gemeinde meint, der Pastor sei für alles zuständig und müsse alles können.

Wie kann diesem Gefühl der Überforderung denn auf gute Weise begegnet werden?

Es gibt viele Ehrenamtliche, die manche Dinge, die Pastoren auch noch mitmachen, durchaus besser könnten. Das heißt aber, dass wir als Pastoren auch bereit sein müssen, Dinge abzugeben und sie anderen zuzutrauen. Das ist manchmal auch eine Machtfrage.

An welche Dinge denkst du da besonders?

Es gibt Gemeindeglieder, die in Verwaltungsdingen mehr Ahnung haben als der Pastor oder die Pastorin. Gemeindeglieder können auch Besuche machen und Menschen begleiten. Wichtig ist dann aber auch, dass die Gemeinde die Ehrenamtlichen in ihrer Aufgabe anerkennt.

Es drängt sich ein wenig der Verdacht auf, dass die Kirche die Ehrenamtlichen in einer Zeit entdeckt, in der ihnen das Geld für die Hauptamtlichen ausgeht.

Es ist sicherlich nicht völlig von der Hand zu weisen, dass es da einen Zusammenhang gibt. Aber auch wenn es so ist, wird dadurch das Ehrenamt nicht abgewertet. Ehrenamtliche sind nicht die Hilfskräfte der Hauptamtlichen. Schon unsere Kirchenverfassung betont, dass beides gleichwertig nebeneinander steht und sich ergänzt. Kein Dienst ist wichtiger oder höherwertiger als der andere. Oftmals können Ehrenamtliche auch Kompetenzen aus ihrer Lebens- und Berufswelt in die Kirchengemeinde einbringen, z. B. als Mutter oder Vater oder als Vereinsvorsitzender.

Ist unsere Kirche trotzdem noch eine Pastorenkirche?

Zum Glück ist sie das nicht mehr nur. Aber in den Köpfen vieler Gemeindeglieder ist sie es wohl immer noch. Oft zählt das, was Pastoren machen, mehr als das, was Ehrenamtliche tun. Und in den Köpfen mancher Pastoren ist das wohl auch so. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die katholische Kirche uns in dem Punkt der Übertragung von Verantwortung an Ehrenamtliche schon voraus ist – natürlich auch aus der Not heraus wegen des Priestermangels.

Was kann eine Gemeinde denn tun, um ihren Ehrenamtlichen möglichst gute Bedingungen zu bieten?

Zunächst einmal geht es darum, Ehrenamtlichen Freiräume zu ermöglichen, damit sie das tun können, was ihnen wichtig ist und dies dann auch auf ihre Weise. Sie brauchen Unterstützung, auch in Form von Fortbildungsmöglichkeiten und Kostenerstattung. Wichtig ist auch, dass Ehrenamtliche immer ausreichend mit Informationen versorgt sind.

Beim Frühstück hast du heute morgen erzählt, dass du als Jugendlicher mal ein ganz anderes Amt im Blick gehabt hast als das, das du jetzt bekleidest.

(lacht) Das stimmt. Damals wollte ich gerne Außenminister werden. Damals hatte ich den Eindruck, dieses Amt könnte man auch ohne besondere Fachkenntnisse gut bekleiden.

Dann gibt es ja wenigstens noch eine Konstante, die sich offenbar nicht geändert hat. Vielleicht können wir dich ja in zwei Jahren zum 50-jährigen Jubiläum der Christuskirche einmal in deinem Amt hierher einladen. Sobald wir den Termin haben, schicke ich dir eine offizielle Anfrage.

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