Veröffentlicht von Doris Hüls am Fr., 20. Mai. 2016 10:20 Uhr

Menschen, die enge soziale Beziehungen haben, fühlen sich weniger gestresst, sind gesünder als andere, haben ein besseres Selbstwertgefühl und leben länger. Dieses Ergebnis zeigen unterschiedliche wissenschaftliche Studien. Wichtig aber ist dabei, dass man sich in diesen Beziehungen geborgen fühlt. Das scheint sogar unsere Abwehrkräfte zu stärken!

Michael Linden, ein Psychiater, sieht Einsamkeit als einen Risikofaktor für psychische Erkrankungen an. Menschen, die ein gutes soziales Umfeld, Familie, Freundinnen und Freunde haben, können besser mit belastenden Zeiten und traumatischen Erfahrungen umgehen.

Das ist auch meine Erfahrung aus der Beratungsarbeit. Menschen finden Entlastung, emotionale Unterstützung und das Gefühl, angenommen zu sein, in familiären Beziehungen und Freundschaften. Für Menschen, die ihre Familie verloren haben oder sie in weiter Ferne wissen, weil sie weggezogen oder emigriert sind, können Freundschaften einen besonderen Stellenwert bekommen. Für Menschen, die in ihrer Familie nicht den Rückhalt haben, den sie sich wünschen, sind Freundinnen oder Freunde ein wichtiger Ausgleich.

Schon Kinder suchen sich Freundinnen oder Freunde, mit denen sie spielen und Spaß haben. Gleiche Interessen und das Gefühl, dazu zugehören sind die Grundlage der Freundschaft. Wenn Kinder Mobbing erfahren, geben andere ihnen das Gefühl, „nicht in Ordnung zu sein.“ Aus meiner langjährigen Erfahrung mit Kindern, die ausgegrenzt und von anderen schikaniert wurden, weiß ich, welchen Schaden solche Erfahrungen anrichten, bis dahin, dass betroffene Menschen noch als Erwachsene unter mangelndem Selbstwertgefühl und sozialen Ängsten leiden. Wie heilsam ist es dann, Freundinnen oder Freunde zu haben, die den Kindern vermitteln, dass sie so akzeptiert werden, wie sie sind.

Auch Jugendliche profitieren von Freundinnen und Freunden bei ihrer Suche nach Identität. Die Ablösung vom Elternhaus lässt die Beziehung zu Gleichaltrigen besonders wichtig werden. Die Bestätigung oder Korrektur der anderen führt zu einer guten Entwicklung des eigenen Selbstkonzeptes. Die Selbstwahrnehmung wird durch die Kommentare anderer korrigiert. Deshalb braucht es Freundinnen oder Freunde, die Interessen teilen, einander respektieren und mit denen man lernen kann, Konflikte zu lösen.

Jugendliche haben heute im Durchschnitt 270 Facebook-Freundinnen oder Freunde (so der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest) – aber die meisten Menschen haben ungefähr fünf wirklich gute Freundinnen oder Freunde, mit denen sie ihre Gefühle und Gedanken teilen.

Freundinnen oder Freunde findet man oft zufällig – weil man z. B. zur gleichen Schule ging, in derselben Stadt wohnt, der gleichen Gemeinde oder dem gleichen Verein angehört. Die räumliche Nähe scheint ein besonders verbindender Faktor zu sein, obwohl es auch Freundschaften gibt, die Distanzen überbrücken. Nicht alle Freundschaften halten das ganze Leben lang. Es gibt auch „Lebensabschnittsfreunde.“ Manche bleiben in guter Erinnerung, auch wenn nicht jeder Kontakt gepflegt werden kann. Und kommt es zu einem Wiedersehen, kann man sofort anknüpfen. Andere Freundinnen oder Freunde sind ständige WegbegleiterInnen, „Zeuginnen unseres Lebens“, wie es jemand einmal so treffend ausdrückte.

Was sind die wichtigsten Kriterien, die Freundschaft prägen?

• Regelmäßige Begegnungen: Bekanntes, Vertrautes kann unser Gehirn leichter verarbeiten. Schon bei Kindern weckt Vertrautes Freude!
• Gleiche „Wellenlänge“: Ähnliche Lebenssituationen, gemeinsame Interessen, gleiche Werte sind von Bedeutung – die Charaktere können durchaus unterschiedlich sein. Männer suchen anscheinend eher gemeinsame Unternehmungen, Frauen eher die emotionale Nähe.
• Angenommen sein: In der Freundschaft braucht man sich nicht zu verstellen. Es tut wohl, bei all den konventionellen Beziehungen, die man im Alltag, im Beruf pflegen muss, Menschen zu haben, bei denen man sich offen zeigen kann, so sein darf, wie man sich gerade fühlt und zu wissen, dass man genauso von ihnen akzeptiert wird.
• Unterstützung in Krisenzeiten: Oft geht es gar nicht um den guten Rat, sondern um das Zuhören, Mitfühlen und Begleiten. Dazu kommt die Bestärkung dessen, was man als die eigenen Strategien erarbeitet hat.
• Toleranz üben: Es geht darum, die Entscheidungen des anderen zu akzeptieren, ob es um die ausgewählte Partnerin oder den ausgewählten Partner oder die Lebensgestaltung geht. Auch andere Freundinnen oder Freunde zu respektieren und zuzulassen, dass man auch Zeit mit ihnen verbringt. Das geht immer dann gut, wenn noch genügend Zeit für die eigene Freundschaftsbeziehung übrig bleibt.

Streit und Versöhnung in der Freundschaft ist ein Thema, das ich noch ansprechen möchte. In meiner Arbeit gibt es häufig Berichte über Enttäuschungen, über klärende Gespräche, die stattgefunden haben oder die fehlten. Ich spreche manchmal über „das Museum der Verletzungen“, durch das manche Menschen immer wieder gehen und sich selbst damit viel Kraft nehmen. Es fällt ihnen schwer, Altes loszulassen. Was helfen kann, ist dann in das „Museum der Dankbarkeit“ zu gehen: Was hat mir diese Freundin oder dieser Freund an Gutem getan, was habe ich durch sie oder ihn gelernt?

Manchmal kommt es zu einem Gespräch, das zur Versöhnung führt. Das ist meist für beide Seiten entlastend. Es können dabei Missverständnisse aufgelöst werden, es kommt zu Entschuldigungen und Verzeihen.

Freundschaftliche Beziehungen sollten ein soziales Feld sein, in dem fehlerfreundlich gelebt werden kann!

Zum Abschluss ein Zitat, das ausdrückt, was Freundschaft im Wesentlichen ausmacht: „Wie beglückend, dass da jemand ist, der mich im Blick hat, jemand, dem es nicht egal ist, ob ich existiere, der mich vielmehr fragt, wie es mir geht, wo ich bin und was ich mache!“ (W. Schmidt, „Vom Glück der Freundschaft“, S. 35)

von Mechthild Iburg, Diplompsychologin, Beraterin und Dozentin

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