Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 19. Jan. 2017 10:32 Uhr

Das Gebet bezeichnet eine zentrale Glaubenspraxis vieler Religionen. Es kann mit oder auch ohne Worte, nur in Gedanken, vollzogen werden. Das Gebet kennzeichnet eine an sich gleichbleibende, regelmäßige und sich wiederholte feierliche Form der Zuwendung an ein übernatürliches Wesen – Gott. Mit seiner persönlichen und kommunikativen Komponente setzt das Gebet einen persönlichen Gott voraus. Diese Vorstellung ist jedoch nicht in allen Religionen, z. B. im Buddhismus, vorhanden. Gleichzeitig erwartet der Beter, der an einen einzigen Gott glaubt, dass dieser allgegenwärtig ist, während in Naturreligionen der jeweilige Gott an einem bestimmten Ort geglaubt wird. Gebetet werden kann im Gottesdienst, in einer Gruppe oder aber allein. Viele Religionen kennen festgesetzte Gebetszeiten. Gebete können gesungen, laut ausgesprochen oder im Stillen für sich formuliert werden. Je nach Religion und deren Konfessionen sowie Kulturkreis gibt es unterschiedliche Körperhaltungen: stehen, knien, sich niederlegen, Kopf senken, Hände hochheben oder diese falten.

Das Neue Testament gibt zahlreiche Hinweise auf den Stellenwert des Gebetes im Verhältnis des Menschen zu Gott. Es schildert Jesus als gläubigen, betenden Juden. Kennzeichnend für diese Gebete bleibt das Vertrauen in Gott (Mt 6, 33, Joh 14, 6, Röm 8, 28 u. a.). In der christlichen Vorstellung spielt der Gedanke einer göttlichen Vorherbestimmung eine wichtige Rolle. Der Beter erwartet nicht, dass der unveränderliche Wille Gottes durch menschliche Gebete geändert wird, sondern er erwartet vom Gebet eine Änderung seiner selbst, ein Sich-Besinnen und In-Einklang-Kommen mit Gott. Nach Paulus und Johannes nimmt der Heilige Geist als Mittler, als Helfer für den Menschen, den Platz ein, wenn sie „nicht wissen, wie und was sie beten sollen“ (Röm 8, 26f.). Trotzdem gibt eine feste Form, gar ein fester Wortlaut, Menschen Halt.

Die bekanntesten christlichen Gebete sind zur Zeit aus dem Alten Testament der Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) und für das Neue Testament das Vaterunser aus Lukas 11. Darüber hinaus bilden noch heute Tisch- und Nachtgebete, katholischerseits das Rosenkranzgebet sowie die Herrenhuter Losungen und die Stille Zeit gewichtige feste Betimpulse bei Christen. Als gemeinschaftliches Gebet nimmt das Gebet der ökumenischen Bruderschaft aus Taizé in der heutigen Zeit durch seine weite Verbreitung eine besondere Stellung ein.

Die christliche Bibel zeigt viele verschiedene Arten von Gebeten: Klage (hier insbesondere Psalm 22,2 bzw. Mk 15, 34 „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“), Bitte, Dank, Fürbitte, Anbetung. Diese verschiedenen Facetten spiegeln dabei die unterschiedlichen Gefühlswelten des Beters wider. Das Gebet in all diesen Formen, mit seinen unterschiedlichen Aspekten, fördert letztlich die Beziehung zu Gott und damit auch den Menschen, der betet, selbst.

von Holger Schmidt

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