Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 19. Jan. 2017 10:39 Uhr

PT: Sie tragen ein besonderes Schmuckstück an ihrer Hand. Was ist das?

RK: Das sind die Perlen des Glaubens – ein Armband aus verschiedenfarbigen Perlen unterschiedlicher Form und Größe. Perlenbänder kennt man ja aus verschiedenen Religionen, auch in der christlichen Tradition spielen sie eine wichtige Rolle – viele kennen sicher bei den katholischen Christen den Rosenkranz. Das Besondere an diesem Band ist jedoch, dass ein evangelischer Bischof sozusagen der Entwickler ist – etwas eher Ungewöhnliches für uns evangelische Christen.

PT: Wie sind Sie auf die Glaubensperlen aufmerksam geworden?

RK: Vor etwa zehn Jahren musste ich auf Grund einer Operation am Rücken längere Zeit liegen und konnte auch nicht den Gottesdienst besuchen. So habe ich in dieser Zeit gelegentlich den Fernsehgottesdienst angesehen. Einer dieser Gottesdienste wurde von Anselm Grün (Benediktinermönch) und Clemens Bittlinger (christlicher Liedermacher) gestaltet. Zu jeder einzelnen Perle hat Anselm Grün Impulse gegeben und Clemens Bittlinger hat jeweils ein Lied aus seinem Liederzyklus zu dieser Perle gesungen. Das hat mich damals sehr berührt und seitdem auch nicht mehr losgelassen.

PT: Auffällig sind die unterschiedlichen Farben und Größen der Perlen. Gibt es dafür eine Erklärung?

RK: Ja, die unterschiedlichen Perlen haben unterschiedliche Bedeutungen. So gibt es zum Beispiel kleinere ovale sandfarbene Perlen – die Perlen der Stille - oder eine große goldglänzende – die Gottesperle. Die Perlen stehen für Themen oder Situationen in unserem Leben, in unserem Alltag und unserem Glauben.

PT: Gibt es eine Perle, an der Sie häufiger hängen bleiben?

RK (lacht): Ja, am häufigsten bleibe ich an der Perle der Gelassenheit hängen – sie ist eine absolute Herausforderung für mich. Ich bin jemand, der alles genau plant und am liebsten auch alles im Griff haben möchte – und nur allzu oft verlasse ich mich da auf mein eigenes Können und meine eigene Kraft. Dadurch gerät das Wirken Gottes leider oft in den Hintergrund. Die Perle der Gelassenheit erinnert mich immer daran, dass nicht ICH alles im Griff haben muss, sondern dass ich auf GOTTes Wirken in meinem Leben vertrauen darf, und dass nicht ICH alles planen muss, sondern dass GOTTes Pläne vielleicht auch mal andere sind als meine. Ich darf gelassen Situationen und Dingen entgegen sehen, die ich vorher nicht überblicken kann oder die mir vielleicht auch Angst machen.

PT: Bischof Lönnebo aus Schweden, der diese Idee des Perlenarmbands entwickelt hat, spricht von einem Trainingsgerät für die Seele. Warum braucht die Seele Training?

RK: Jeder Muskel unseres Körpers und auch unsere Gehirnzellen brauchen doch Training. Sonst könnten wir irgendwann nicht mehr gehen oder denken – das weiß jeder … aber kann denn unsere Seele ohne Training leben? Um die eigene Seele wahrzunehmen, muss ich mich mit ihr
beschäftigen, das heißt z. B. mir mit den Perlen eine tägliche Aus-Zeit der Ruhe und Besinnung zu nehmen. Damit ist nicht Realitätsflucht gemeint, sondern Konzentration auf das Wesentliche, das sonst im Alltag schnell verschütt geht. Mit dem Perlenband als „Trainingsgerät“ kann Glaube im wahrsten Sinne „greifbar“ werden. Das hilft sich zu konzentrieren, sich nach innen zu wenden und sich auf Gott auszurichten.

PT: Wie wirkt sich das Tragen der Perlen auf Ihr Leben aus?

RK: Es gibt immer wieder Momente im Alltag, in denen mich das Perlenband daran erinnert, einen Moment innezuhalten: um kurz zu beten, dankbar zu sein oder einen anderen Blickwinkel auf ein Problem zu bekommen. Darüber hinaus hilft es mir an den Tagen, an denen Gott mir so unerreichbar und fern scheint. Ich habe dann, wenn mein Gebet an der Zimmerdecke hängen zu bleiben scheint, etwas, woran ich mich festhalten kann und was mir hilft, meinem Glauben wieder zu vertrauen.

PT: Von Beruf sind Sie Ärztin. Gab es auf der Station Momente, wo Ihnen eine bestimmte Perle Kraft gegeben
hat?


RK: Diese Momente gibt es immer wieder. Meistens ist es die Gottesperle, die mir wieder vor Augen führt, dass ich als Ärztin alles mir erdenklich Mögliche tun kann, um Menschen zu heilen, aber dass letztendlich Gott größer ist als das, was wir aus dem Studium, den Studien und unserer Erfahrung heraus erwarten. Und es ist auch die Gottesperle, die mir bei der Begleitung sterbender Menschen immer wieder zeigt, dass das Sterben eines Menschen auf meiner Station kein Versagen der Medizin ist, sondern der Weg eines jeden von uns – und es erleichtert mich, wenn ich weiß, wohin diese Menschen gehen.

PT: Sie sind ja auch ein recht neues Mitglied der Christus-und-Kreuz-Kirchengemeinde. Gibt es bereits erste Eindrücke und Erkenntnisse? Sie dürfen auch kritisch sein!

RK: Wir haben uns hier in der Gemeinde sehr willkommen gefühlt. Die Begrüßung zu Beginn der Gottesdienste hat mich sehr beeindruckt, er wird sehr persönlich dadurch.Aber leider ist es auch hier so wie in vielen anderen Gemeinden, dass das „Mittelalter“ auch in der Christus-und-Kreuz-Kirchengemeinde sehr wenig vertreten ist. Durch den Umzug nach Nordhorn, dem Einrichten des neuen Hauses und dem Studienbeginn der Kinder ist bisher noch nicht viel Zeit gewesen, uns mehr in der Gemeinde umzusehen, aber wir sind gespannt, was uns hier erwartet.

PT: Wie könnte man ihrer Meinung nach die Perlen des Glaubens der Gemeinde zugänglich machen?

RK: Da gibt es ganz viele Möglichkeiten – für alle Altersstufen und Gruppengrößen: Gottesdienste zu den einzelnen Perlen, ein Konzert mit dem Liederzyklus von Clemens Bittlinger, Kinderbibeltage, Tagesprojekte für Familien, Konfirmanden, Senioren oder auch Biographiearbeit im Seniorenkreis.

PT: Vielen Dank für das Gespräch!

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