Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 17. Mai. 2017 11:16 Uhr

Vergnügt - erlöst - befreit

Wissen Sie, welches das beliebeste Volkslied der Deutschen sein soll? Und was es indirekt mit der Reformation zu tun hat? Vermutlich ist es auch Ihnen bekannt. Sie sehen die erste Strophe weiter unten.

Wenn Sie es kennen, haben Sie bestimmt auch gleich die Melodie im Kopf. Von der Freiheit des Denkens handelt es. Davon, dass kein anderer Mensch wirklich alle meine Gedanken lesen kann. Meine Gedanken können frei fliegen - wie es in dem Lied heißt. Sich das bewusst zu machen, kann in manchen Situationen wie eine Befreiung sein.

Zweierlei davon hat mit der Reformation zu tun: Die Freiheit und das Volkslied. Warum? Zur Freiheit: Die Reformation war eine Befreiungsbewegung. Luthers große Glaubens-Erkenntnis lautete: wir können uns Gottes Liebe nicht erkaufen (wie es im Mittelalter zum Beispiel durch den Ablasshandel praktiziert wurde). Damals hieß das für die Menschen: ihr seid frei von der Knechtschaft durch die Fürsten und ihr seid frei von der Kirche als Heilsanstalt (auch wenn es nach außen nicht immer sichtbar ist). Heute heißt es für uns: ihr seid frei davon, dass ihr euch ständig selbst behaupten müsst und Leistung erbringen müsst. Damals und heute heißt es: Ihr seid angenommen durch Gottes Gnade, nicht durch Taten.

Der vor einigen Jahren verstorbene Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, der liebe- und humorvoll über den Glauben schrieb, beschreibt dieses Glaubens- und Lebensgefühl wunderbar mit den drei Worten: „vergnügt-erlöst-befreit“. Der evangelische Liedermacher Fritz Baltruweit textet daraus in einem Lied: Mit deiner (Gottes) Gnade steh ich auf, vergnügt-erlöst-befreit. Mit ihr blüht meine Seele auf - sie trägt mich durch die Zeit.

Lieder waren das wichtigste Medium der Reformation. Luther übernahm die Melodien bekannter Volkslieder für seine Texte. Auf diese Weise verbreitete sich seine Lehre. Damals konnte ja kaum jemand lesen. Aber Singen. Auswendig. Die Reformation war eine richtige Singbewegung und Luther sorgte dafür, dass Volksliedmelodien ihren Platz im Gottesdienst fanden.

Die drei Worte „vergnügt, erlöst, befreit“ - ob gesungen oder gesprochen - beschreiben die reformatorische Glaubenserfahrung: ich spüre Gottes Dienst an mir, weil Gott mich als sein geliebtes Menschenkind anschaut. In diesem Vertrauen können Christenmenschen vergnügt leben, weil sie wissen, dass diese Zugehörigkeit nicht mit ihnen selbst steht oder fällt.

Von Christa Olearius

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Freiheit inmitten von Zäunen

Ein altes deutsches Volkslied, das wohl 1780 zuerst aufgeschrieben wurde. Was hier besungen wird, ist jedoch noch wesentlich älter: Sehnsucht kann ein Motiv sein, dieses Lied zu singen, unterdrückte Wut oder auch die Liebe. Ein Glas Wein kann dazu führen, dass die Gedanken, Träume und Wünsche an die Wirklichkeit angepasst werden … es bleiben jedoch lediglich Illusionen. Ist „frei zu sein“ eine Illusion?

Nicht zufällig fällt das BRÜCKE - Thema „frei“ in die Urlaubszeit. Für viele Menschen bedeutet der Urlaub, dass man frei ist von den Einschränkungen des Alltags, von beruflichen Pflichten, von Stress und Verantwortung. Das mag ja oft stimmen, aber ...

Nehmen wir zum Beispiel den „Club Méditerranée“ (französisch für „Mittelmeer-Club“). Millionen von Menschen verbringen hier ihren Urlaub, der im Laufe der Jahre immer mehr auf die Bedürfnisse der Urlauber abgestimmt worden ist: Animateure sorgten für Sport und Spaß. Bei Unterkunft und Verpflegung stiegen die Ansprüche. „All inclusive“ Angebote sorgten für die nötige Individualität. Der Lebensstandard in den Clubs steigt ständig, nicht jedoch der Lebensstandard der Bevölkerung vor allem nordafrikanischer Staaten. Um sie von Belästigungen der hungrigen und neugierigen Einwohner zu schützen, wurden viele Clubs vor ihnen geschützt. So konnten die Urlauber „frei“ ihren Urlaub genießen. Eingezäunt und bewacht.

Mittlerweile hat sich auch in Nordafrika herumgesprochen, dass die Urlauber vorwiegend aus Europa kommen, wo man frei und satt lebt. Also ab nach Europa, wo Milch und Honig fließen ... Über die Konsequenzen kann man sich am Fernseher oder in der Zeitung informieren: Die Zahl derjenigen, die innerhalb von Nordafrika frei sein wollen, nimmt rapide ab. Die Zahl der Afrikaner dagegen, die in Europa frei sein wollen, steigt enorm.

Aber die Gedanken, die sind frei.

Von Hartmut Schwartz




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