Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 29. Aug. 2017 11:41 Uhr

Es nieselt. Ein kalter, grauer Herbsttag im Harz im Jahr 2016 beginnt. Beim Frühstück in der Ferienwohnung schlägt mein Mann vor, einmal auf Spurensuche vom kleinen Martin Luther nach Mansfeld zu fahren. „Nach Mansfeld?“ „Ja, wo er als Junge gelebt hat.“ Damit bin ich einverstanden und denke noch, dass dort ja nicht viel sein kann. Hätte ich geahnt, was mich erwartet, hätte ich Zahnbürste und Nachtzeug eingepackt!

‚MANSFELD - Landkreis Südharz‘ steht auf dem gelben Ortsschild. Über die ersten Häuser ragt die Stadtkirche St. Georg und die lange Friedensallee (B86) führt uns zum LUTHERBRUNNEN. Hier begann der Weg des Reformators Dr. Martin Luther. 1913 vom Bildhauer Paul Jackoff aus Schkopau wurde der dreiseitige Brunnen mit der ‚Darstellung der drei entscheidenden Phasen seines Lebens‘ geschaffen und im November 1913 eingeweiht. ‚Hinaus in die Welt‘ zeigt den 13jährigen, darüber die Portraits seiner Eltern. ‚Hinein in den Kampf‘ mit dem Thesenanschlag in Wittenberg ist auf der zweiten Seite dargestellt und auf der dritten mit dem Thema ‚Hindurch zum Sieg‘ legt Martin Luther seine Hand auf die Bibel.

1484 war Hans Luder mit seiner Frau Margarethe und dem einige Monate alten Martin (geb. am 10. November 1483) von Eisleben nach Mansfeld gezogen. Dort arbeitete er im Zentrum des Kupferbergbaus als Hüttenmeister. Später erzählte Martin oft von der harten Sparsamkeit und der verängstigenden, unerbittlichen Strenge im Elternhaus. Ebenso wie die Lehrer in der Schule ständig ‚steupeten‘ (prügelten), so taten dies auch Vater und Mutter - manchmal, bis er blutete. Dass er ‚Angst und Jammer‘ in der Schule gelernt habe und ‚15mal gesteupet‘ wurde, weil er etwas auf Latein nicht konjugieren konnte, was er noch gar nicht gelernt hatte, lesen wir später im Museum.
 
Gegenüber der Kirche St. Georg entdecken wir ein Haus mit einer Tafel: ‚In diesem Hause hat Dr. Martin Luther seinen ersten Schulunterricht erhalten‘. Heute ist darin die Stadtinformation und das Trauzimmer von Mansfeld.

Bist du, kleiner Martin, aus der Schule gleich nach Hause gerannt oder im hohen Schnee des Winters getragen worden, wie ein modernes Fenster in der St. Georgskirche erzählt? Oder bist du noch - vielleicht mit deinem Freund Nikolaus Oemler - um die Kirche herum zu den Fleisch- und Brotbänken (Scherren) gelaufen, die noch gegenüber der Kirche zu sehen sind? Du mochtest doch so gerne saftig gebratenes Fleisch. Das erfahren wir in dem neuen, interessant und sehr verständlich eingerichteten Museum gegenüber von dem Rest des Elternhauses - eines Vierseitenhofes, den Hans Luder Ende des 15. Jahrhunderts kaufte und von dem nur noch ein Drittel der Seite zur Straße erhalten und als weiteres Luthermuseum erhalten ist.

2003-04 wurde bei Sanierungsarbeiten in Mansfeld am Lutherhaus die Abfallgrube gefunden und archäologisch ausgewertet. Überreste von Tier- und Fischknochen, von Bekleidung und Gegenständen aus dem Haushalt der Familie Luder gaben Einblicke in Ernährung und den Lebensstandard, aber auch durch verbrannte Schmuck- und Kleidungsteile den Verdacht eines an der Pest verstorbenen Familienmitgliedes. Auf dem Lebensbaum der Familie Luder sind neben Martin noch drei weitere Söhne und vier Töchter verzeichnet. Ebenso wie sein jüngerer Bruder Jakob änderte Martin später seinen Familiennamen in Luther.

Nach einem leckeren Essen, dass die Wirtin im Mansfelder Hof für uns zubereitet und uns dabei viel über die jetzige Situation von Mansfeld erzählt, das im Schatten der anderen Wirkungsstätten Luthers stehe, steigen wir zur Befestigungsanlage mit dem Schloss  Mansfeld hinauf.

Das 1060 erstmals erwähnte und um 1260  zum Stammsitz der Grafen Mansfeld erwählte Schloss ist heute eine christliche Jugendbildungs- und Begegnungsstätte. Wie auch in Mansfeld, wo wir Menschen trafen, die uns viel erzählen konnten von ihrer Stadt, erfahren wir im gemütlichen Café des Schlosses Vieles über die Vergangenheit, aber auch von den spannenden Konfirmandenfreizeiten im Schloss. Angst - das beherrschende Thema von Martin Luthers Kindheit - dürfen die Jugendlichen, die hier auf dem Schloss eine Woche bleiben, nicht haben, denn es gibt neben Schlosskirche mit offenem Eisenlettner auch interessante Tiere zu entdecken! Wir müssen wiederkommen.

von Margret Delissen

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