Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 29. Aug. 2017 12:16 Uhr

Die vier lutherischen Pastoren Nordhorns wagen einen hoffentlich hilfreichen Blick auf wesentliche Grunderkenntnisse der Reformation. Luthers reformatorischer Durchbruch, die Erkenntnis, dass Gott den Menschen die Gerechtigkeit durch den Glauben schenkt und die Menschen dies in der Bibel nachlesen und verstehen können, braucht Anknüpfungspunkte in unserer Zeit und in unserem Leben.

Sola scriptura - allein die Bibel

Da sitze ich nun mit meiner Bibel. Halte das Buch in der Hand, was für Martin Luther sein ein und alles war. Im Kern seiner Weltsicht stand Gottes Botschaft, so wie sie „allein durch die Schrift“ (lat. sola scriptura) vermittelt wurde. Daher hat er die Schrift in mühevoller Fleißarbeit ins Deutsche übersetzt. Damals suchte er nach einem neuen, unverrückbaren Maßstab im Gegenüber der katholischen Kirche, die vier verschiedene Schriftverständnisse hatte. Die Forderung des „sola scriptura“ sollte dabei keineswegs zum Ausdruck bringen, dass nur der genaue Wortlaut der Heiligen Schrift für das Leben eines Christen ausschlaggebend sei, wie dies als Programm des heutigen christlichen Fundamentalismus formuliert wird. Vielmehr ging es um die Frage, wer die Schrift recht auslegt. Nach der Vorstellung Luthers konnte dies nur durch die Schrift selbst geschehen, da sie „durch sich selbst glaubwürdig, deutlich und ihr eigener Ausleger“ sei.

Nun ja, ich erlebe dies nicht immer. Auch eine historisch-kritische Betrachtung des Textes bietet nicht immer eine Alternative. Ich denke, vielen von Ihnen als Leser dürfte es ähnlich ergehen. Manchmal bleibt die Bibel fremd, unbegreifbar - ein unverfügbares Wort. Damit diese Unverfügbarkeit nicht wiederum zur Willkür der Schriftauslegung führt, betonte Luther die „Mitte der Schrift“. Diese Mitte liege in der Christusbotschaft (siehe auch Solus Christus), die somit der innere Maßstab der Schrift sei. Von hier aus sei es möglich - so Luther - kirchliche Entscheidungen und sogar die einzelnen Schriften der Bibel zu kritisieren. Dies bietet sicherlich eine Hilfe für das Verstehen an. Oder wie sonst sollte ich mit dem gerade gelesenen Vers: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise!“ (Sprüche 6,6 ) gut umgehen können?

von Holger Schmidt

Sola fide – allein der Glaube

„Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“

Einen Zettel mit diesen Worten fand meine Großmutter auf dem Schreibtisch meines Großvaters. Es war im Frühjahr des Jahres 1945 und sie hatte gerade die Nachricht erhalten, dass er im Krieg gefallen war. Diese Worte aus dem Buch Josua hätten sie ihr Leben lang begleitet, so erzählte sie uns Enkelkindern später. Es ist lange her, aber mich beeindruckt noch immer: ihr Glaube an Gott war stärker als jeder Zweifel. Und sie war tatsächlich eine glaubensstarke und fröhliche Frau ihr Leben lang – trotz des schweren Verlustes und der Vertreibung aus ihrer Heimat.

von Christa Olearius

Sola gratia - allein die Gnade

Sollte ich mich für ein Wort des Glaubens entscheiden, ich würde die Gnade wählen.

Gnade ist die kleine Schwester der Liebe. Sie hilft mir zu verstehen, dass ich endlich bin. Und fehlbar. Begrenzt. Und sie hilft mir, in diese Begrenztheit einzuwilligen. Die Gnade erinnert mich daran, dass ich mich nicht pausenlos selbst retten muss. Ich bin es schon. „Alles, was ich weiß, weiß ich von einem anderen“, singt Hermann van Veen. Alles, was ich bin, bin ich durch einen anderen. Ich habe mir mein Leben nicht selbst geschenkt, sondern ich wurde ins Leben hineingeliebt.

Gnade spricht mich frei. Sie legt mich nicht auf meine Vergangenheit fest, nicht auf meine Fehler, nicht auf das, was andere mir angetan haben. Die Gnade ist die Gegenbewegung zum Zynismus, zur Zweckoptimierung, zur Effizienz. Gnade erlebe ich, wenn jemand mehr für mich tut als er müsste. Wenn jemand nachsichtiger mit mir ist als erwartet. Wenn jemand geduldiger mit mir ist als ich verdient hätte.

Gnade ist Grazie. Sie macht das Herz weich und weit. Ihre Anmut macht dich zur Schenkerin. Gnade schreibt dir ins Herz: Schon ehe du schön bist, findet dich jemand schön! (inspiriert von Christina Brudereck)

Mit einer Förderschule feiern wir Gottesdienst. Rappelvolle Kirche. Liebevolle Atmosphäre. Einige der Kinder mit Behinderungen gestalten den Gottesdienst mit. Für das Fürbittengebet haben sie sich Bitten überlegt.

Zur letzten Bitte tritt ein Junge ans Pult, der zum Sprechen ansetzt. Aber er kommt nicht über die erste Silbe hinaus. Dann verschlägt es ihm die Sprache. Immer und immer wieder versucht er es, aber es will nicht gelingen. Man spürt, wie die ganze Gottesdienstgemeinde mit ihm mitfühlt und sich in diesem Augenblick nichts mehr wünscht, als dass es ihm gelingen möge, seine Worte zu sagen. Der Lehrer, der neben ihm steht, flüstert ihm diese Worte noch einmal zu. Aber das hilft ihm nicht. Er weiß die Worte ja, aber ihm fehlt die Stimme. Er sucht mit seinen Augen nach Hilfe.
Und dann tritt der Lehrer direkt neben ihn. Und legt ihm seine Hand auf die Schulter. Ein kurzer vertrauensvoller Blick zwischen den beiden. Und dann versucht der Junge es noch einmal. Und die Worte fließen. Die ganze Gemeinde bricht noch vor dem „Amen“ in tosenden Applaus aus. Eine Hand auf deiner Schulter: Gnade.

von Simon de Vries

Solus Christus - allein Jesus Christus

Jesus Christus fasziniert. Er ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Durch sein uns anbefohlenes Gebet des Vaterunsers bin ich mit Glaubensgeschwistern überall auf der Welt im Gebet und in der Tat vereint. Nicht alle sehen in ihm den Sohn Gottes und im Laufe des Lebens kann sich der Blick auf ihn verändern. Für mich persönlich hat Gott durch ihn, seinen Sohn, eine Stimme bekommen. Durch Jesus, mit dem Gott eins ist, ist Er mittendrin in meinem Leben. Seine Worte nehmen mich in die Verantwortung. Sie lassen mich demütig werden, weil es vieles gibt, wofür ich zu danken habe.

Die besondere Jesus-Frömmigkeit einer älteren Dame unserer Gemeinde hat mich in der letzten Zeit besonders bewegt. Über ihrem Bett hängt ein Jesus am Kreuz. Sie sagt: „Mit ihm rede ich am Tag und auch in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann. Und weil ich nicht mehr gut sehe, ist er beleuchtet. Die Lichtreflexe kann ich wahrnehmen. Das ist mir Trost und Stärke zugleich. Im Stich gelassen hat mich mein Jesus noch nie.”

von Thomas Kersten

Foto:mit freundlicher Genehmigung von (c)Eva Jung, godnews.de

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