Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 22. Mai. 2018 17:54 Uhr

Die orthodoxen Kirchen sehen sich in direkter Nachfolge von Jesus und der von Paulus begründeten Mission der Gemeinden außerhalb der Gemeinde Jerusalems (Heidenchristen im Gegensatz zu den Judenchristen). Im Laufe der Jahrhunderte entwickeln sich die orientalischen (östlich von Rom) Lokalkirchen anders als die römischen. Dies führte - im fünften Jahrhundert beginnend - schließlich im elften Jahrhundert zur Trennung der römisch geprägten, lateinischen Westkirche von der griechisch geprägten Ostkirche, die sich fortan „rechtgläubig“ oder „Gott richtig preisend“, also „orthodox“ nannten. Obgleich sich die verschiedenen Nationen angehörenden Teilkirchen „griechisch“, „russisch“ oder „armenisch“ nannten, verstand man sich einheitlich als „orthodox“.

Wenn man sich die Karte Griechenlands anschaut, findet man südöstlich von Thessaloniki die dreifingrige Halbinsel Chalkidiki. Der östliche „Finger“ ist die Halbinsel Athos. Schon in vorchristlicher Zeit lebten hier Menschen, die es aus verschiedenen Gründen „einsam“ mochten, denn die Halbinsel war ausgesprochen unwirtlich. Im vierten oder fünften Jahrhundert kamen dann die ersten Christen, die dort als Eremiten lebten. Im Jahr 963 wurde das erste Kloster gegründet, in dem die Eremiten dann als Gemeinschaft leben sollten. Natürlich gab es zunächst Widerstände und Verweigerungen. Heute leben Mönche (2005: 2476) in den 20 Klöstern auf dem Athos (davon 17 griechische und je ein russisches, bulgarisches und serbisches). Die Mönche verwalten sich als „Freie Mönchsrepublik“ selber. Das ist seit  1927 auch in der griechischen Verfassung festgelegt.  Die Klöster sind reine Männerklöster. Seit 1045 ist das Betreten des Heiligen Berges durch Frauen streng verboten, Zuwiderhandlungen werden bestraft: 8-12 Monate ohne Bewährung. Auch weibliche Tiere gibt es nicht auf dem Athos.

Den Athos zu besuchen, ist nicht ganz einfach. Ein halbes Jahr vorher musste man versuchen, die Erlaubnis zu bekommen. Hatten wir die, dann waren wir Pilger - denn nur Pilger durften auf den Heiligen Berg. In einer Grenzstadt mussten wir diese allgemeine Erlaubnis in eine konkrete „verwandeln“, die gleichzeitig die Möglichkeit bedeutete, mit einem Schiff die Mönchsrepublik anzufahren und zu betreten. Die Übernachtungen fanden in vorher bestimmten Klöstern kostenlos statt. Auch die Mahlzeiten waren für uns Pilger kostenfrei. Selbst eine Ikonen-Ansichtskarte brauchte ich nicht zu bezahlen.

Für mich höchst eindrucksvoll und fremd: der Gottesdienst. Bei einigen, die durch die Stundentrommeln (Schläge auf ein Holzbrett) angekündigt wurden, durften wir gar nicht teilnehmen, weil wir nicht „rechtgläubig“ waren und in der Hierarchie an zweiter Stelle standen (an dritter Stelle standen diejenigen, die gar nicht an Christus glaubten). Ein weiterer Gottesdienst begann ganz früh und dauerte drei bis vier Stunden (ohne Frühstück). Eine sehr lange Liturgie (ein kundiger Kirchenmusiker erklärte uns, dass  diese Form vorgregorianisch war) machte es möglich, dass wir uns „einhörten“ und schon sehr bald mitsummen konnten. Das taten allerdings die anderen Pilger und Mönche nicht.

Ein Mönch schien einen gewissen Wachdienst zu haben, denn er putzte (Spraydose und Tuch) die unter Glas aufgehängten Ikonen, die während des Gottesdienstes von vielen Gläubigen „feucht“ geküsst wurden. Ich setzte mich auf eine der prachtvoll geschnitzten Bänke, wurde aber gleich darauf gebeten, diese zu verlassen, weil ein Mönch von dort eine Lesung abhielt. Da ich nun stehen musste, habe ich zur Entlastung die Hände auf dem Rücken gehalten. Sehr böse fasste der „Dienst habende“ meine Hände und führte sie nach vorne. Durch Gesten machte er deutlich, dass sie dort auch bleiben sollten. Natürlich lief der Gottesdienst weiter. Die einzelnen Teile habe ich nicht verstanden. Erst nach dem Gottesdienst erklärte uns ein englisch sprechender Mönch, dass an der Kirchendecke hängende Kästen, die an Ketten heruntergelassen wurden, besonders wertvolle und geheiligte Reliquien enthielten, vor denen sich die Gläubigen bekreuzigten.

Nach dem Gottesdienst ging es schweigend in den Frühstückssaal. Die Mönche saßen links leicht erhöht, die Pilger im freien Teil des Raumes, nur wir bekamen einen Extra-Tisch. Das Frühstück war reichhaltig und schmackhaft. Ungewohnt: ein sehr guter kalter Rotwein. Während des Frühstücks las ein Mönch aus der Bibel vor. Nachdem alle gegessen hatten, kamen Mönche und verteilten Brot - nur wir nicht Rechtgläubige wurden ausgeschlossen. Das Frühstück gehörte zum Gottesdienst und endete mit dem Herrenmahl (Abendmahl).

von Hartmut Schwartz

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