Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 21. Nov. 2018 11:44 Uhr

Ein gutes Miteinander von Kindern und Erwachsenen ist nicht in allen Familien gegeben. Mitunter muss die Gesellschaft eingreifen, wenn die Eltern durch übermäßigen Alkoholgenuss und/oder Drogenkonsum, durch schwerwiegende psychische Probleme, durch massive persönliche Überforderung, durch die Anwendung von (sexueller) Gewalt oder andere unlösbare Probleme die Entwicklung ihrer Kinder ernsthaft beeinträchtigen, ihre Kinder gefährden oder sie gar an Leib und Seele schädigen. Gut, dass es dann Menschen gibt, die den Kindern zu Hilfe kommen können.

Ein Weg zur Hilfe geht über die Unterbringung der Kinder in Pflegefamilien. In der Grafschaft Bentheim gibt es nach Auskunft des Jugendamts zurzeit ungefähr 200 Pflegekinder in 160 Familien. Sie werden zum Teil von Verwandten betreut. Die meisten leben aber in Pflegefamilien, die sich über die ganze Grafschaft verteilen. Auch ich selbst gehöre zu einer Pflegefamilie. Allerdings sind unsere beiden Pflegetöchter bereits volljährig. Sie leben nicht mehr bei uns Zu Hause und sind somit formal keine Pflegekinder mehr. Aber natürlich bleiben sie „unsere“ Kinder.

Heute bin ich zu Gast bei Heike und ihrer Familie. Heike ist Pflegemutter und lebt mit ihrer Familie vor den Toren Nordhorns. In einem Gespräch möchte ich Heike einige Fragen zum Thema Pflegekinder stellen.

Uli: Wie kam es dazu, dass dein Mann und du eine Pflegefamilie wurdet?

Heike:  Nachdem klar wurde, dass wir keine gemeinsamen Kinder bekommen konnten, haben wir uns entschlossen, Kinder aufzunehmen. Zunächst haben wir uns im Jugendamt nach der Möglichkeit von Kinderadoptionen erkundigt. Schnell kamen wir auf die Möglichkeit zu sprechen, Kindern über eine Dauerpflege in unserer Familie ein Zuhause zu geben. Die Wahl einer Dauerpflege war uns wichtig, weil wir uns nicht vorstellen konnten, ein Kind nach kurzer Zeit wieder abgeben zu müssen. Auch fürchteten wir uns davor, ein schwerwiegend krankes Kind aufzunehmen, dass wir dann bald wieder verlieren könnten. Wir mussten Formulare ausfüllen, Gespräche führen und ein Einführungsseminar besuchen. Leider hat es damals, vor mehr als 15 Jahren, beim Jugendamt des Landkreises noch nicht die Möglichkeit gegeben, im Seminar erfahrene Pflegeeltern zu hören und ggf. zu befragen. Aus dieser Erfahrung heraus leiste ich heute regelmäßig und gerne bei Einführungsseminaren einen eigenen Beitrag zur Information der neuen Pflegeeltern.

Uli: Und wie ging es damals bei euch weiter?

Heike: Nach relativ kurzer Zeit kam dann unser ältester Sohn in die Familie. Er war entwicklungsverzögert und hatte auch körperliche Beeinträchtigungen. Obschon er schon fast im Kindergartenalter war, befand er sich auf dem Stand eines fünf Monate alten Kindes. Unser Sohn ist uns aber sofort ans Herz gewachsen und jeder neue Entwicklungsschritt war für uns wie ein Geschenk.

Uli: Habt ihr denn Unterstützung vom Jugendamt für eure Betreuung bekommen?

Heike: Regelmäßig finden im Jugendamt Hilfeplangespräche statt. Dort wird immer alles besprochen und eventuell auch nach Unterstützungsmöglichkeiten gesucht. Aber auch sonst konnte man jederzeit die MitarbeiterInnen vom Jugendamt anrufen und um Hilfe bitten, wenn es uns notwendig erschien. Heute gibt es schon seit etlichen Jahren im Landkreis verschiedene vom Jugendamt initiierte Pflegeelterngruppen, die sich regelmäßig treffen und gemeinsam austauschen. Zum Beispiel setzt sich eine Gruppe aus Pflegeeltern zusammen, deren Kinder Symptome eines „fetalen Alkoholsyndroms“ haben. Die leiblichen Mütter haben in der Schwangerschaft zu viel Alkohol getrunken, so dass die Kinder Schädigungen erlitten haben. Eine andere Gruppe bilden die Bereitschaftspflegeeltern und dann gibt es noch regionale „normale“ Pflegeelterntreffen.

Uli: Aber mit dem einen Jungen war eure Familie noch nicht komplett?

Heike (lacht): Unsere Familie ist dann gewachsen. Nach vier Jahren kam ein zweites Kind, wieder ein Junge. Er war noch ein Säugling und zu früh auf die Welt gekommen. Er kam auch zur Dauerpflege in unsere Familie, doch schon nach einem halben Jahr konnten wir ihn adoptieren. Da der Kontakt zur leiblichen Mutter weiter gegeben war, handelte es sich um eine „offene“ Adoption. Der Kontakt auch der Pflegekinder zu den leiblichen Eltern ist sehr unterschiedlich intensiv. Wichtig ist vor allem, was das Kind möchte. Es kann sein, dass das Kind mit sechs, sieben Jahren die Verbindung abbrechen möchte, dann muss man das respektieren. Manchmal wollen oder können die leiblichen Eltern auch den Kontakt nicht aufrechterhalten.

Uli: Nach den beiden Jungs kamen aber weitere Kinder in eure Familie?

Heike: Nach unserem zweiten Jungen sollte der Familienzuwachs abgeschlossen sein. Aber über die Bereitschaftspflege haben wir danach doch wieder Kinder aufgenommen. Der Unterschied liegt darin, dass die Kinder nur für einen begrenzten Zeitraum in der Pflegefamilie sind. Da der Zeitraum vorher nicht genau festgelegt ist, können das auch mal zwölf Wochen werden. Manchmal kann die Bereitschaftspflege sogar noch länger dauern. Es geht bei dem Aufenthalt bei uns immer um die Fragen: Wo können die Kinder auf Dauer bleiben? Benötigen die Kinder besondere Therapien oder andere Hilfestellungen? Es kann auch vorkommen, dass ein Kind keine Bindung zu Einzelpersonen mehr aufbauen kann. Eine Unterbringung in einer Einrichtung kann dann vorteilhafter sein.

Uli: Welche Rechte und Pflichten haben Pflegeeltern? Wir haben einmal den Vorwurf in unserer Umgebung vernommen, wir würden doch nur aus finanziellen Gründen Pflegekinder aufnehmen.

Heike: Nein, das haben wir nicht erlebt. Das Pflegegeld dient dazu, den Lebensunterhalt der Kinder zu gewährleisten. Die Pflegeeltern werden nicht für ihre Arbeit bezahlt. Es gab eher schon mal Unverständnis darüber, dass wir uns die Kinder „aufbürden“. Kinder sind sehr unterschiedlich. Der Zugang zu ihnen kann schon mal kompliziert sein, aber ein „pflegeleicht-Sein“ ist nicht immer gut für ein Kind. Für die Kinder entstehen Probleme, wenn man nicht erkennt, dass das Kind mehr Unterstützung benötigt oder eine spezielle Therapie. Hierfür gibt es dann aber auch professionelle Hilfe, sei es bei der „Frühförderung und Entwicklungsberatung“ der Lebenshilfe in Nordhorn, der „Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche“ des Landkreises oder anlässlich eines „Clearings“ bei einem Jugendhilfe-Anbieter. Dieses Clearing kann in ambulanter oder stationärer Form stattfinden.

Uli: Heike, ich danke dir für die vielen Informationen, die du uns gegeben hast. Alles Gute für eure bunte Familie.

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