Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 23. Jan. 2019 12:06 Uhr

... sagte Jürgen Reichle im Sommer 2016, als er gemeinsam mit einem Kollegen in den Ruhestand eintrat. Ob die in dieser Lebensphase entstehenden FreiRäume auf besondere Art und Weise erfahrbar werden, darüber hat er sich mit einigen anderen Ruheständlern unterhalten.

Sommer 2016. Das letzte Jahr war hart. Ich mache alles zum letzten Mal - nach knapp 40 Jahren. Die letzten Arbeiten sind korrigiert, die Zensuren in den Computer eingetragen, die letzten Konferenzen abgehalten. Nun kann der Ruhestand beginnen: Sommerferien, ein Hinübergleiten in die ewigen Ferien, zumindest sollten sie doch noch recht lange dauern. Ach ja, da war noch was: eine Doppel-Verabschiedung, auf der Einladung dazu sieht man einen fast leeren Strand, das Meer, Kinderfotos von uns. Man ahnt die grenzenlose Weite, die grenzenlose Freiheit. Dann die Feier, viele gute Wünsche und Geschenke, darunter ein Ratgeber über das Überleben im Ruhestand. Der Hauptdarsteller (Loriot) des Films „Pappa ante portas“ ist hoffentlich nur eine Karikatur eines Ruheständlers, der nach dem Vorruhestand nun versucht, das Leben seiner Familie neu zu organisieren und dabei auf heftige Widerstände stößt.

Etwas ernster nehme ich eine Bemerkung meines ehemaligen Chefs: Der Ruhestand müsse geplant werden. So ganz einfach scheint die Sache mit den „FreiRäumen“ im Ruhestand dann doch nicht zu sein. Geht es anderen auch so? Um das herauszufinden, habe ich drei Frauen und drei Männer unterschiedlicher beruflicher Herkunft im Alter zwischen 66 und 75 Jahren befragt. Die Auswahl ist eher zufällig und nicht repräsentativ für alle gesellschaftlichen Schichten.

Interessanterweise wurde von einem der Interviewpartner der Begriff „FreiRäume“, der geographisch-zeitliche Raumbegriff, problematisiert und erweitert: „Natürlich tut im Beruf bei angespannter Arbeit eine Atempause gut. Oder auch ein erholsames Wochenende. Aber mit „FreiRaum“ ist wohl eher so etwas wie eine nicht näher definierte Gegenwelt gemeint, ein zeitweiliger Ausstieg aus dem Alltag, eine Einkehr und die Chance zur Selbstbesinnung.“

Die Notwendigkeit von „FreiRäumen“ ergab sich nicht so sehr während seines Berufslebens: „So bin ich erzogen, dass die berufliche Phase nicht eine Zeit der Freiräume ist, sondern der Aufgaben, der Dienste und Pflichten. Was nicht heißt, dass es hier nur um Erfahrungen von Druck und Fremdbestimmung gegangen wäre. Auch Dienste und Pflichten konnten durchaus mit einem Gefühl der Befriedigung verbunden sein.“

Die beiden Selbständigen haben vergleichbare Erfahrungen gemacht: „Da ich in den letzten 10 Jahren vor meiner Rente als Selbständiger gearbeitet habe, war es mir schon möglich, immer wieder Freiräume zu schaffen.“ Und: „Ich war der Belastung als Chef mit all den sich täglich ändernden Problemen überdrüssig. Die Nachfolgeregelung verlief unproblematisch und sehr zufriedenstellend. Daraus ergaben sich sowohl zeitliche als auch emotionale Freiräume.“

Andere sehnten sich während ihres Arbeitslebens stärker nach „FreiRäumen“: „Wunsch, abends Feierabend zu haben, sonntags frei von Schularbeiten zu sein.“ „Zeit zum Nachdenken, genügend Schlaf, Geschichte vor Ort erforschen und diese für andere erlebbar zu machen.“ Wünsche, Vorstellungen und Hoffnungen haben sich weitestgehend bei allen Befragten erfüllt: „Ich habe jetzt meine Ruhe,
d. h. bin nicht mehr von Auftraggebern bzw. Chefs abhängig.“ Man kann selbst bestimmen, wie viel man macht und wann man es tut. Bis hin zu einem fröhlichen: „Alles und noch viel mehr!“

Aus den Antworten wird auch deutlich, dass einige nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben Aktivitäten neu entdecken oder verstärkt wahrnehmen, z. B. Sport, Kultur, Enkelkinder bzw. Sozialkontakte und Kirche. Daher auch die Frage nach einer möglichen Überforderung. „Tatsächlich habe ich bisweilen das Gefühl, im Ruhestand überlastet zu sein. So geht es vielen Rentnern. Aber das liegt an mir selbst: Die Gier, noch gefragt zu sein und überall dabei sein zu wollen, ist verhängnisvoll und schmälert den „FreiRaum“, den die nachberufliche Phase bietet, auf eine geradezu tödliche Art und Weise. Ich wollte, ich hätte mehr von der Weisheit eines mönchischen Lebens, die in der Ruhe und im Schweigen liegt.“ Gelegentlich tritt Überlastung ein, „wenn ich zu schnell Zusagen für Unternehmungen mache bzw. wenn ich meinen Tag und die Woche nicht durchstrukturiere.“ Das Empfinden einer Überlastung scheint auch von der Befindlichkeit des Einzelnen abhängig zu sein, so schreibt ein Rentner: „Überlastet nicht, aber ausgelastet.“

Mit zunehmendem Alter werden diese „FreiRäume“ eingeschränkt, die Entscheidungsmöglichkeiten richten sich stärker nach anderen Gegebenheiten. Eindeutig die Antworten dazu: „Die fehlende Bereitschaft, nein sagen zu können, wäre ein Faktor, der die „FreiRäume“ des Rentners unnötig einschränken kann, z. B. eine vorschnelle Zusage zum ‚kurz‘ Helfen, was sich dann aber oft als mühsam und schier endlos dauernd herausstellt.“ „Nein, das könnten nur physische und psychische Einschränkungen sein, die aber bisher noch nicht in größerem Ausmaß bei mir gegeben sind.“

„Das Gedächtnis lässt nach, die Radtouren werden kürzer, die Arztbesuche länger. Autofahren bei Nacht und Nebel? Nicht mehr so gern. Und nach Eintritt in den ‚verschärften Ruhestand‘, also wenn man die 70 deutlich überschritten hat, dann nehmen die Wehwehchen und die allgemeinen Altersbeschwerden zu. Und plötzlich entstehen andere Prioritäten: der Arzttermin oder gar der Krankenhausaufenthalt. Und das gilt nicht nur für die eigenen, sondern auch für die des Partners. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Aufeinander-Angewiesenseins erfährt man neu. Was zu den schönen Seiten des Ruhestands gehören kann!“ Aber auch: „Durch Familie/Freunde werden die Freiräume immer wieder durchkreuzt oder tangiert. Wenn dieses überhandnimmt, muss ein Freiraum erkämpft werden.“ Einschneidend bei den Einschränkungen ist der frühe Tod des Partners, denn hatte man sich ein gemeinsames Altwerden erhofft, muss plötzlich „alles alleine erledigt und alleine gestaltet“ werden.

Nicht zu vergessen sei hier der Bereich der Finanzen. Alle meine Befragten gehören im weiteren Sinne zur Mittelschicht. Aber viele Rentner, v. a. auch Frauen, leben am Rande oder unterhalb der Armutsgrenze. Oder ein Vorruhestand führt zu finanziellen Einschränkungen. Manchen „FreiRäumen“ sind, „wenn das Geld fehlt,“ gewisse, meist enge, Grenzen gesetzt.

Und was ist nun aus meinen „FreiRäumen“ geworden? Der Terminkalender wird jetzt auf dem Smartphone geführt und ist immer dabei. Reisen und Kulturveranstaltungen: gerne ja, könnten aber mehr sein. Aufräumarbeiten im Arbeitszimmer, Gartenarbeiten und anstehende Renovierungen: bin immer noch dabei und sehr von Stimmungen und körperlichem Befinden abhängig. Lesen ja, aber nicht so viel, wie ich es möchte. Zeit mit Smartphone und Computer verbracht: zu viel. Essen gehen: gerne, aber ein Seniorenteller ist ausreichend. Kirchliches Ehrenamt: ja – und das nicht zu wenig ...

Fazit: „FreiRäume“ muss man als solche erkennen, aber auch planen und genießen. Die Empfindung, was „FreiRäume“ für einen selber bedeuten, wird sehr unterschiedlich und individuell wahrgenommen bzw. verarbeitet. Bei Planungen scheint die Strukturierung der Zeit und ein maßvolles Vorgehen dabei hilfreich zu sein, also beispielsweise keine zwei oder mehr Termine am Tag. Mit zunehmendem Alter werden die körperlichen (physischen und psychischen) Einflüsse immer bedeutsamer. Bei den von mir Befragten war der Eintritt in den Ruhestand nicht mit Ängsten verbunden. Ich weiß aber aus Gesprächen, dass dies nicht bei allen so ist.
Vielleicht sind die Ratschläge in den diversen Büchern und im Internet zum Thema der Gestaltung des Ruhestandes gar nicht so übel: Im Ruhestand kann man endlich tun was man will. Man muss es nur wollen. (Berthold Brunnputz)

von Jürgen Reichle

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