Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 24. Jan. 2019 09:40 Uhr

Wann haben Sie sich zuletzt gelangweilt? Und was ist das überhaupt: Langeweile?

Der Duden definiert Langeweile als „ein als unangenehm, lästig empfundenes Gefühl des Nicht-ausgefüllt-Seins, der Eintönigkeit, Ödheit, das aus Mangel an Abwechslung, Anregung, Unterhaltung, an interessanter, reizvoller Beschäftigung entsteht“.

Mit dem Begriff „Muße“ dagegen bezeichnen wir die Zeit, die wir nach unseren eigenen Wünschen und Vorstellungen nutzen können. Allerdings dürfen wir dabei nicht Freizeit mit Muße gleichsetzen, denn schon lange ist unsere Freizeit nicht mehr unbedingt nur mit solchen Tätigkeiten ausgefüllt, die wir gern tun wollen. Und sie ist nicht wirklich frei, sondern oft eng verplant und durchgetaktet wie unsere Arbeitszeit.

Bis zur Reformation galt Arbeit als notwendiges Übel und gemäß der Bibel als kollektive Bußtätigkeit: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen." (Gen 3,19) Mit diesen Worten werden Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Mit der Reformation und Martin Luther kam das Arbeitsethos in die Welt. „Gott will keine faulen Müßiggänger haben, sondern man soll treulich und fleißig arbeiten, ein jeglicher nach seinem Beruf und Amt, so will er den Segen und das Gedeihen dazu geben", behauptete Luther. „Carpe diem“ - nutze den Tag. Nichtstun ist verlorene Zeit, ist Faulheit. Während Jesus noch ein glücklicher Arbeitsloser war, wurden Faulheit und Zeitvergeudung spätestens jetzt zur Todsünde – und sind es bis heute. „Was machen Sie beruflich?“ Über nichts anderes werden wir so stark definiert wie über unsere Arbeit.

Vom Begriff der Muße ist es nicht weit bis zum Wort „Müßiggang“: dies bezeichnet eine entspannte, von Pflichten freie Zeit, die mit Nichtstun oder dem Genuss von etwas verbracht wird. Der Müßiggang ist eher negativ konnotiert, er wird gern als Laster, als Faulheit verstanden.

Historisch betrachtet ist Müßiggang eine Attitüde, die dem Adel oder auch dem Klerus zugeschrieben wurde, denn der für sein Auskommen arbeitende Mensch hatte dafür – natürlich – keine Zeit.

Viele Philosophen, Literaten, Soziologen, Psychologen und Pädagogen haben sich mit dem Phänomen der Langeweile und des Müßiggangs auseinandergesetzt und tun dies noch immer, man sieht es an der Zahl der universitären Bachelor-, Master- und Hausarbeiten. Zum Teil fallen ihre Beurteilungen sehr unterschiedlich aus:

Martin Heidegger unterteilte die Langeweile in drei Phasen: 1. Die Langeweile hat einen bestimmten Grund, man ist von etwas gelangweilt. 2. Die Langeweile kommt sowohl von innen als auch von außen, d. h. man langweilt sich bei etwas, kann aber keinen bestimmten Grund benennen. 3. Die anonyme Langeweile. Sie hat keinen erkennbaren Grund und auch keinen Bezug.

Der Philosoph Emil Cioran erlebte als Fünfjähriger erstmals bewusst Langeweile als Gefühl absoluter Leere und Substanzlosigkeit. Er nannte diese Erfahrung später den Einstieg in seine philosophische Reflexion.

Peter Bichsel äußerte sich positiv über die Langeweile. Er sei als Kind nicht gut im Sport gewesen und habe daher viel gelesen, vor allem Klassiker. Damit habe er die Grundlage gelegt bzw. die Voraussetzungen für seinen späteren Beruf des Schriftstellers geschaffen.

Friedrich Nietzsche vertrat die Theorie, dass der Mensch sich in den Arbeitspausen langweile, und um dieser Langeweile zu entgehen, sei Arbeit Selbstzweck geworden.

Nach ARTUR Schopenhauer empfinden nur durchschnittliche Menschen überhaupt Langeweile, große Geister dagegen erfreuen sich am Alleinsein mit sich.

Soziologisch und psychologisch kann Langeweile zum
„Boreout-Syndrom“ führen: unter den verschiedenen Möglichkeiten, Zeit zu nutzen, kann die gewünschte nicht gewählt werden, weil situationsbedingt eine Wahl nicht möglich ist. Wenn es dann noch an Kreativität, Interesse und Neugier mangelt, kann aus dem Boreout im nächsten Schritt eine Erschöpfungsdepression werden.

Aus pädagogischer Sicht können Eltern Schuld daran sein, wenn ihre Kinder mit Langeweile nicht umgehen können: der Hang, den Kindern stets ein Angebot zu machen, verhindert kreatives Nichtstun.

Heute wissen wir, dass Langeweile, in Maßen vorhanden, sogar sehr sinnvoll ist. Wer sich langweilt, hängt seinen Gedanken nach und hat zuweilen dabei geniale Ideen.

Was ist nun das Fazit des Ganzen? Wir dürfen uns mit gutem Gewissen langweilen. Nur nicht zu sehr. Langeweile ist dann nicht gesund, wenn wir zu viel davon haben, wenn unser Tag deutlich mehr unausgefüllte Zeit enthält als sinn- oder lustvolle Beschäftigung. Wenn wir aber mehrmals am Tag kleine Zeitinseln – Freiräume – haben, in denen wir unseren Gedanken nachhängen, vielleicht mit einer Tasse Tee in der Hand aus dem Fenster blicken können, und mit unserem Tagwerk zufrieden sind, dann können wir die Langeweile – oder den Müßiggang – in unserem Tagesablauf freudig willkommen heißen.

von Sonja Henkenborg

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