Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 26. Mär. 2019 17:17 Uhr

Vor rund 100 000 Jahren trat in Afrika der wissende Mensch, der Homo sapiens, auf. Gekennzeichnet u. a. durch ein hochkomplexes Gehirn, wanderten diese Menschen über den Nahen Osten auch nach Europa Ein, sogenannte Steinzeitmenschen. Sie erlebten in unseren Breiten die letzte Eiszeit. An den Randzonen von Eis und Schnee gab es kurze Sommer und üppige Gras- und Sumpflandschaften, wo sie fischen und Mammuts und Rentiere jagen konnten. Die Abbildung stammt aus der Höhle von Lascaux/Südfrankreich und stellt eine Jagdszene dar. Die zeitliche Zuordnung ist derzeit umstritten, angegeben wird eine Zeitspanne von 36 000 bis 15 000 Jahren vor Chr.

Auch in Deutschland findet man, meist in Höhlen, ca. 40 000 Jahre alte geschnitzte menschliche Figuren, Tiere und Flöteninstrumente aus Mammutelfenbein. Daneben viele Tierknochen. Daraus schließt man, dass diese Menschen schon Feste mit Tanz und Musik gefeiert haben. Rhythmische Klänge, vergorene Beerenfrüchte und reichlich Fleisch dürften so besänftigend wie berauschend gewesen sein und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt haben.

Gastfreundschaft war auch notwendig, um durch den Kontakt mit fremden Gruppen Inzucht zu vermeiden. Sippen von 20 bis 200 Menschen schlossen sich unter Zuhilfenahme von religiösen und gastlichen Ritualen zu größeren Verbänden zusammen. Dies erforderte eine stärkere Organisation des Zusammenlebens, so nimmt man heute jedenfalls an.

Riesige Kultanlagen z. B. in Kleinasien, in denen man eine Art Tempelfest mit Festmahl feierte, wurden schon von Jägern und Sammlern begonnen. Es gibt noch keine Hinweise, dass diese Anlagen auch zu Wohnzwecken dienten. Schließlich gab es noch keine Haustiere und keine Landwirtschaft. Deshalb spekulierte u. a. der verstorbene Archäologieprofessor Klaus Schmidt, dass die dort umherstreifenden Gruppen zusammen arbeiten mussten, um die frühen Wildgetreidevorkommen vor Wildtieren zu schützen. So seien frühe gesellschaftliche Organisationen verschiedener Gruppen rund um die Heiligtümer entstanden.

Um die Menschen zu ernähren, die derart große Bauwerke errichteten, waren gewaltige Mengen von Lebensmitteln nötig. Denkbar ist, dass die Jäger und Sammler letzten Endes vom Weizensammeln zum Weizenanbau übergingen, um den Kalorienbedarf der Arbeiter beim Tempelbau zu decken. Sollte das stimmen, dann könnten letztlich religiöse Überzeugungen die Menschen zum Ackerbau veranlasst haben. Bereits der Beginn dieser Künste: Steinbaukunst, bildende Kunst, die Kunst der Gastlichkeit, der Musik und des Tanzes, diente dem Zusammenhalt der Gruppen.
Berge von Tierknochen belegen, dass bei diesen Festen üppig geschmaust wurde. Einige Wissenschaftler vermuten, dass nur durch die Zähmung und Zucht von Wildtieren der Bedarf gerade bei Festlichkeiten gedeckt werden konnte.

Nebenwirkung dabei war auch die Steigerung der Leistung des Gehirns aufgrund des hohen Eiweißgehalts des Fleisches. Der fruchtbare Halbmond, die Regionen zwischen Euphrat und Tigris, heute Irak und Syrien, Türkei, Palästina bis nach Ägypten wurde zum Ursprungsgebiet von Viehzucht und Ackerbau. Aus Getreide wurden Getreidebrei, Brot und Bier hergestellt. Vereinfachend gesagt, um den Anbau und die Wasser-Zuteilung in dem trockenen Klima sicherzustellen, um die vielseitigen Geräte herzustellen und zu vermarkten, schlossen sich die Menschen zu großen Städten und Königreichen zusammen, ausgehend vom Zweistromland bis nach Ägypten.

Früh wurde den Toten dort Nahrung für die Reise ins Jenseits mit ins Grab gegeben. Man spricht heute von den drei Urveränderungen oder großen Sprüngen: erstens der Beginn von Kunst und Gastlichkeit vor rund 40 000 Jahren, zweitens die Erfindung der Landwirtschaft mit Viehhaltung und Ackerbau vor rund 12 000 Jahren, drittens die Gründung von Städten und Stadtstaaten vor rund 5 000 Jahren.

Ähnliches, aber etwas später, kann man in Fernost, im heutigen China, feststellen. Die Gastlichkeit oder Gastfreundschaft bildete immer feinere Formen aus, höfische Kultur existierte neben militärischer Gewalt. Alte Abbildungen zeigen, dass bei Gastmählern keine Waffen getragen wurden, also Gastfrieden herrschte.

Die natürliche Lust am Essen und Trinken wurde allmählich weiter entwickelt und auch dafür genutzt, ein vielfältigeres Zusammenleben zu schaffen. Wenn alle TeilnehmerInnen einer Tafelrunde eine vergnügliche Zeit haben sollten, kam es für den Einzelnen darauf an, sich zu benehmen: Achtsamkeit walten lassen, Rücksicht auf den anderen nehmen, ein nettes Gespräch führen, dem anderen eine Freude sein. Dies gilt bis heute oder sollte zumindest gelten. Auch gegen die Angst des Menschen vor Fremden und gegen Gewalt. Man kann also durchaus behaupten, dass Gastfreundschaft, Lebenskunst und Ethik, die Lehre von den guten Sitten, eng miteinander verknüpft sind.

von Jürgen Reichle

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