Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 26. Mär. 2019 17:37 Uhr

Anas, würdest Du unserem Land auch einige Jahre später immer noch danken?

Nach einer langen Reise durch fünf Länder in 105 Tagen bin ich Anfang 2016 nach Nordhorn gekommen. Ich wohnte für drei Monate in einer Sporthalle. Dort habe ich viele neue Freunde kennengelernt. Viele Leute kamen jeden Tag, um Essen zu verteilen. Einmal habe ich gesagt, dass ich ein Fahrrad haben möchte. Am nächsten Tag hatte ich plötzlich drei Stück. Irgendwie musste ich einfach Danke sagen. Deshalb habe ich einen Brief geschrieben und habe ihn an eine Tür gehangen. Als Folge davon kam am nächsten Tag ein Vertreter der Zeitung und hat mich interviewt. In den nächsten Tagen kamen drei Fernsehteams und mein Brief wurde in ganz Deutschland bekannt. Auch einer meiner Freunde hat einen guten Eindruck von Deutschland bekommen. Er hat seine Meinung geändert und will nicht mehr nach Schweden.

Später konntest Du in ein Zimmer einer Familie unserer Kirchengemeinde einziehen und hast eine ganze Zeit bei ihnen gelebt. Wie hast Du ihre Gastfreundschaft erlebt?

Beim Verteilen des Essens lernte ich eine Familie mit zwei Kindern kennen. Sie haben immer gelacht und waren sehr nett. Nach zwei Wochen hat mir die Familie geschrieben, dass sie ein Zimmer frei hätten. Sie haben mich gefragt, ob ich dieses Zimmer haben möchte. Zuerst hatte ich vor der fremden Kultur Angst, auch weil ich noch nicht so gut Deutsch sprechen konnte. Dann haben wir aber doch einen Termin ausgemacht und ich habe das Zimmer besichtigt. An dem Tag, an dem ich umgezogen bin, hat der Mann der Familie extra Urlaub genommen. Die Familienmitglieder waren sehr nett zu mir und haben mir auch bei den Papieren geholfen. Wir haben zusammen gekocht und gefeiert. Ich habe ungefähr ein halbes Jahr bei ihnen gewohnt. Sie waren wie eine Familie für mich.

Und ich habe angefangen, intensiv Deutsch zu lernen. Für mich ist die deutsche Sprache nicht einfach. Trotzdem mag ich gerne deutsche Sprichwörter wie z. B. „die Katze im Sack kaufen“, „kein Meister ist vom Himmel gefallen“ oder „wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt es an der Badehose“.

Von Anfang an hast Du Dich aber auch selbst engagiert und gesagt, dass Du auch etwas zurückgeben möchtest. Kannst du uns erzählen, an welchen Stellen Du jetzt selbst zum Gastgeber geworden bist?

Ich gebe Arabisch-Unterricht. Ich habe jetzt fast 13 Leute im Kurs, alles Deutsche, gebe aber auch Deutschkurse für Araber. Und manchmal sind auch Kinder dabei. Für das Rote Kreuz arbeite ich manchmal als Übersetzer. Ich helfe auch bei Kochkursen. Ich möchte etwas zurückgeben, weil ich selber von Deutschland so viel bekommen habe und weil ich glaube, dass dies meine Pflicht ist. Ich kann heute sagen, dass Deutschland mein Leben gerettet hat.

Gastfreundschaft hat auch viel mit der jeweiligen Kultur zu tun. Gastfreundschaft zeigt sich in Deutschland anders als in Syrien. Kannst Du beschreiben, was in Syrien anders ist als hier?

Unterschiedliches Verhalten wird in vielen Alltagssituationen deutlich. Ein Beispiel dafür ist das Essen mit anderen Personen in einem Restaurant. In meiner Kultur ist es üblich, den Freunden etwas auszugeben und die Rechnung als Ganzes zu bezahlen. Daher kommt es auch oft vor, dass lange diskutiert wird, wer nun endlich die Rechnung begleichen „darf“, da sich jeder dafür bereit erklärt. Die Deutschen handhaben dies einfacher: jeder bezahlt das, was er auch gegessen bzw. getrunken hat. Während die Deutschen Hochzeiten eher in einem kleineren Rahmen und nur an einem Tag feiern, sind bei Hochzeiten in Syrien mehrere hundert Personen dabei. Und es wird insgesamt vier Tage lang (drei Tage vor und ein Tag nach der Hochzeit) gefeiert.

Ich habe noch ein Beispiel bezüglich des Essverhaltens: In Deutschland wird nach meiner Beobachtung nicht immer zu Hause gekocht und wenn es getan wird, dann werden meistens nur ein oder zwei Gerichte in kleineren Mengen zubereitet. In der syrischen Kultur ist es normal, jeden Tag mindestens drei verschiedene Gerichte in großen Mengen zu kochen und das Essen, was übrig bleibt, mit den Nachbarn zu teilen.

Wenn ein Freund zu mir kommt, frage ich ihn, was trinkst du? Manchmal trinken die Deutschen nur Wasser, wir nicht, denn wir müssen Kaffee, Tee oder Saft und arabische Süßigkeiten immer im Haus haben. Und wenn die Person nach zwei Stunden noch immer bei mir ist, bereite ich für sie Essen zu oder bestelle etwas und bezahle es auch selber. Hier in Nordhorn finde ich besonders die Neujahrskuchen lecker. Abschließend kann ich sagen, dass ich noch immer der Meinung bin, dass die Deutschen sehr freundlich sind. Ich mag ihre Pünktlichkeit. Ich kann hier auch sagen, was ich denke. Insgesamt glaube ich, dass ich nach drei Jahren in Deutschland etwas geschafft habe. Ich möchte einfach nur einer von euch sein.

Das hast du und das bist du, Anas - vielen Dank für das Gespräch.


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