Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 21. Mai. 2019 17:51 Uhr

Ja, schön bist du, meine Freundin!
Du bist so wunderschön!
Deine Augen sind wie zwei Tauben,
die hinter deinem Schleier flattern.
»Mein Freund ist schön und stark,
unter Zehntausend ragt er hervor.
Sein Gesicht glänzt wie reines Gold.
Sein Haar ist schwarz wie der Rabe.
(Hohelied Salomos 4,1; 5,10f.)

Vielleicht geht es Ihnen beim Lesen dieser Verse so wie mir. Ich weiß eigentlich nicht so recht, was ich vom Hohelied halten soll. Einerseits finde ich es wunderschön. Es enthält viele schöne Worte, umschreibt ein zärtliches Gefühl. Auf der anderen Seite geht es ganz schön ins Detail.
 
Das Hohelied ist zunächst einmal Liebesdichtung, eine poetische Erotik oder erotische Poesie. Es führt uns in das Reich der Liebe und der Beziehung, in den Raum der Nähe und Intimität. Die Frage nach Gott ist in dieser Liebesdichtung, obwohl sie sich sonst ja sehr häufig in der Bibel findet, erst einmal gar nicht im Blick.

Deshalb kann man schon einmal die Frage stellen, warum solch ein Text in den Kanon der Bibel aufgenommen wurde.

Es gab Zeiten, in denen hätten viele sich gefreut, wenn das Hohelied aus der Bibel verschwunden wäre – das ist vielleicht auch heute noch so.

Aber weil das Hohelied nun einmal Bestandteil der Bibel war, interpretierten die Prediger diese menschliche Liebeslyrik als ein Gleichnis zwischen Gott und seiner Kirche - bzw. in der jüdischen Auslegung z.B. als eine symbolische Liebesbeziehung zwischen Gott und der Synagoge.

Das Hohelied kann man so interpretieren - muss man aber nicht. Man kann es auch als das nehmen, was es ist: Liebesdichtung mit erotischen Untertönen.

Denn in der Forschung ist man sich weitestgehend einig, dass es sich bei dem Hohelied um ein echtes Liebeslied handelt, in dem es um das Sichsehnen und Verlangen zwischen Mann und Frau geht. Und Gott eigentlich keine Rolle spielt.

Vielleicht kann man sich also darauf einlassen, dass es beim Hohelied tatsächlich erst einmal nur um das Knistern und die Liebe zwischen Mann und Frau geht. Aber: Womit man ein Problem haben könnte ist, dass es in den beiden Textstellen im Grunde nur um Äußerlichkeiten geht. Dass Mann und Frau sich nur oberflächlich ansprechend finden und die Tiefe der Beziehung fehlt. Tatsächlich werden ja in aller Ausführlichkeit eher Körperteile des Partners beschrieben und mehrmals wird gegenseitig die äußere Schönheit betont.

Doch hinter diesen Aussagen steckt eine Botschaft, sozusagen ein Sub-Text. Und diese Botschaft ist wunderschön und hochaktuell.

Das Schwärmen für den anderen und die Betonung der Schönheit soll gerade keinen Körperkult fördern. Sondern den anderen oder die andere als schön zu finden und zu beschreiben, ist Ausdruck der eigenen Gefühle und der Nähe zueinander. Ganz unabhängig von objektiven Schönheitsidealen stellt sich der geliebte Mensch für den Liebenden als schön dar. Aus der Liebe heraus wird die Schönheit zugesprochen. Das Hohelied beschreibt also vielmehr die Wirkung, die die Liebe auf die Wahrnehmung hat.

Die Worte des Hohelieds transportieren Bewunderung und Wertschätzung des Gegenübers. Fast staunend und ehrfürchtig werden bestimmte Körpermerkmale beschrieben. Als Vergleiche dienen besonders schöne oder besonders wertvolle Vergleiche: Edelsteine, Gold, kostbare Pflanzen und edle Tiere oder Gebäude.

Die Botschaft, die im Hohelied mitschwingt, ist: Wer liebt, blickt tiefer und kratzt nicht nur an der Oberfläche. Wer liebt, erkennt auch dort Schönheit, wo andere vielleicht keine sehen würden.

Diese Botschaft ist für mich auch eine Aufforderung, mich selbst mit solch einem liebenden Blick anzuschauen.

Dabei kann es helfen, sich selbst einmal mit fremden Augen zu betrachten: Was sehen andere in mir? Was kann ich gut? Was an mir mag ich und ist schön?

Das Hohelied macht Mut, die eigene Schönheit und Einzigartigkeit, die in jedem von uns steckt, zu erkennen und zu lieben.

von Henrike Lüers

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