Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 21. Aug. 2019 11:30 Uhr

Ich möchte von einem Vortrag von Dr. Rainer Hagencord berichten, den er beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund gehalten hat und der mich sehr beeindruckt hat. Herr Hagencord ist Leiter des Instituts für Theologische Zoologie an der Katholischen Fakultät der Universität Münster.

Er begann sein Statement, indem er auf die Urteilsbegründung des Bundesverwaltungsgerichts zur Praxis in Hühneraufzuchtbetrieben einging. Die Richter erklären darin, dass dem Leben eines männlichen Kükens in einer solchen Praxis des Tötens / Schredderns jeder Eigenwert abgesprochen werde. Dabei wögen doch schlussendlich die Belange des Tierschutzes schwerer als das wirtschaftliche Interesse der Brutbetriebe.

In seinem Vortrag führt Hagencord mehrere Punkte auf, in denen er über die Produktionsweise von Lebensmitteln und deren Grundlagen nachdenkt. Bei uns genutzte Lebensmittel würden häufig aus Tieren und deren Produkten bestehen. Beispielhaft benennt er für die genutzten Tiere das Hausschwein. Keine anderen Tiere neben den Menschenaffen seien uns so nahe wie Schweine. Tatsächlich begründe sich dieser Umstand nicht nur durch die ähnliche Stoffwechselphysiologie, Histologie und Genetik. Das Schwein sei eines der wenigen Tiere, die das gleiche Augenweiß haben wie wir Menschen. „Schauen Sie ihnen also ins Angesicht, erblicken Sie hellblaue, braune und grüne Augen, wie bei uns!“ Es könne tatsächlich passieren, dass uns aus einem Viehtransporter eben solche angsterfüllten Augen ansehen.

Rainer Hagencord klagt an anderer Stelle in seinem Vortrag an, dass 58 Millionen Schweine jährlich in Deutschland geschlachtet und dabei bis zu 10 Millionen Tiere nicht den Weg zur Schlachtbank „schaffen“ und quasi „vorher weggeworfen“ werden; der Anteil an Schlachttieren mit inneren und äußeren Erkrankungen sei hoch und beim Schlachtprozess würden immer wieder Pannen passieren, indem Tiere nur unzureichend betäubt würden. Eine biblische Theologie der Tiere stellt er mit den Worten des evangelischen Gelehrten Karl Barth in Verbindung, der von der Ehre des Daseins von uns Menschen und von den Tieren spricht. Diese Ehre des Daseins komme eben auch den Schweinen, Puten, Hühnern und Rindern zu. Sie seien immer noch geliebte Geschöpfe Gottes, auch wenn eine moderne Lebensmittelindustrie sie „einer totalen Verzweckung unterwirft“.

Neben der theologischen Erkenntnis zum Eigenwert der Tiere führten auch die Erkenntnisse der modernen Verhaltensbiologie, der Evolutionsbiologie und der Ökologie „zu dem klaren Schluss, dass es sich beim System der industriellen Tierhaltung um eine strukturelle Sünde handelt“, das letztlich mit der Fleisch- und Pharmaindustrie nur zwei Gewinner kenne. Verlierer in diesem System seien die kleinbäuerlichen Betriebe, das Grundwasser, unser Klima, die Artenvielfalt, die Menschen im globalen Süden, unsere Gesundheit und nicht zuletzt die Würde der Tiere.

Dr. Hagencord schließt seinen Vortrag mit den Worten: „Wenn dem Leben eines männlichen Kükens ein Eigenwert zukommt – und dafür sprechen auch die biblischen Bilder von den Zuerst-Gesegneten der Schöpfung und Bündnispartnern Gottes nach der Sintflut – dann auch allen Schweinen, Puten, Hühnern und Rindern, die immer noch viel zu häufig nur für ihre Vernichtung auf die Welt gebracht werden.“

Wer den Vortrag von Dr. Rainer Hagencord nachlesen möchte, kann dies tun unter www.kirchentag.de/no-cache/ser... – Samstag 11.00-13.00 Uhr: Wert-schätzend?! Unser Umgang mit Lebensmitteln.

von Ulrich Meyer-Spethmann

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