Veröffentlicht von Doris Hüls am Mi., 21. Aug. 2019 11:33 Uhr

Seit 2017 gibt es den Gemeinschaftsgarten der Garten­Freu(n)de Nordhorn zwischen dem Heideweg und der Mathildenstraße. Henrike Lüers hat sich mit zwei Mitgliedern der Organisationsgruppe des Gemeinschaftsgartens getroffen. Elvira Robben-Pretzel (Mitarbeiterin des DRK-Zentrums für Migration und Flüchtlinge) und Wolfgang Vox (Nordhorner Tafel e.V.) geben Einblicke in das Projekt.

HL: Gemeinschaftsgärten und urban gardening erfreuen sich ja immer größerer Beliebtheit gerade in größeren Städten wie Berlin oder Hamburg. Es ist toll so etwas auch in Nordhorn zu haben. Wie entstand der Gemeinschaftsgarten in Nordhorn und was zeichnet ihn aus?

ERP: Die Idee, einen Gemeinschaftsgarten in Nordhorn anzulegen, entstand 2016. Um Menschen für das Projekt zu gewinnen, haben wir verschiedene Institutionen und Organisationen, Gemeinden und Vereine angefragt. Im November 2016 traf sich dann eine Organisationsgruppe mit den Interessierten zum ersten Mal. Zunächst begutachteten wir verschiedene Flächen, überlegten uns Ziele, den Namen und vieles mehr. Von der Stadt Nordhorn wurde uns das Grundstück in der Blanke zur Verfügung gestellt. Im April 2017 wurde dann die Tafel e. V. formaler Träger. Im Mai 2017 gab es den ersten Spatenstich.

WV: Davor war noch einiges zu tun. Das Grundstück war wild. Zunächst haben wir mit Unterstützung des THW und der Landjugend Parzellen abgesteckt, den gesamte Boden mit einem Pferdepflug umgegraben und Zäune gebaut.

ERP: Es ist kaum noch vorstellbar, wie das Grundstück einmal ausgesehen hat und was jetzt alles darauf wächst.

HL: Gibt es eine bestimmte Intention, die sich mit dem Gemeinschaftsgarten verbindet?

WV: Wir möchten einen Gemeinschaftsgarten, in dem sich die Menschen mit der Natur beschäftigen, eine eigene Verantwortung für ihre Parzelle haben und wo Menschen miteinander in Kontakt kommen. Dabei ist es uns wichtig, dass wir die Gärten möglichst biologisch und ökologisch unterhalten.

ERP: Der Garten soll eine Möglichkeit der Integration bieten. Unsere Zielgruppe sind daher Menschen mit Migrationshintergrund und Deutsche.

HL: Wie groß ist der Gemeinschaftsgarten denn mittlerweile?

WV: Angefangen haben wir mit einer kleineren Fläche, aber mussten sie schon im darauffolgenden Jahr vergrößern, weil so viel Interesse da war. Jetzt haben wir eine Gartenfläche von ca. 1400 qm und eine Gesamtfläche von ca. 1700 qm. Die einzelnen Parzellen sind 40 qm groß und können auf Wunsch auch geteilt werden.

ERP: Insgesamt gibt es drei Gemeinschaftsbeete und 21 Gärten, die von den Pächtern versorgt werden. Zwei Hochbeete haben wir aus Paletten selbst gebaut.

WV: Die gemeinsamen Flächen bestücken wir mit Pflanzen, die wir von der Tafel durch die Supermärkte bekommen. Es sind die Pflanzen, die sonst entsorgt werden würden. So haben wir schon viele Kräuter wieder hochgezogen, Bäume und Blumen gepflanzt. Neu hinzugekommen sind außerdem zwei Bienenstöcke. Bald möchten wir auch noch ein Gewächshaus bauen. Alle Pächterinnen und Pächter dürfen sich von den gespendeten Pflanzen nehmen, um sie in ihren Garten zu pflanzen.

HL: Das klingt nach viel Arbeit und Herzblut, die Sie in das Projekt stecken. Wie schaffen Sie es, den Gemeinschaftsgarten zu betreuen und zu finanzieren?

ERP: Es gibt nach wie vor die Organisationsgruppe, die sich regelmäßig trifft und anliegende Dinge wie beispielsweise die Parzellenvergabe, mögliche Workshops oder Feste bespricht. Jedes Mitglied dieser Organisationsgruppe gehört ehrenamtlich oder beruflich zu einer Institution. Die Pächter zahlen 30 Euro Jahresgebühr, die Institutionen eine höhere Summe. Darüber hinaus unterstützen uns auch andere Organisationen und Vereine finanziell, denn nur durch die Jahresgebühren lässt sich der Garten mit den Geräten, den Reparaturen, der Bewässerung usw. nicht finanzieren. Seit dem 1. April haben wir einen Bundesfreiwilligen, der mehrmals in der Woche im Garten tätig ist, die Pächter und Pächterinnen unterstützt und anfallende Reparaturen übernimmt. Das ist eine große Unterstützung.

WV: Man muss sich mit dem Gärtnern schon verbunden fühlen. Aber es ist ein tolles Projekt, das die Mühe und Zeit wert ist.

HL: Ein Ziel des Gemeinschaftsgartens ist die Integration und das Miteinander von Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Da gibt es sicherlich immer wieder etwas voneinander zu lernen, oder?

ERP: Ja. Es ist schon interessant, sich die einzelnen Beete anzugucken. Beim Anpflanzen werden Unterschiede teilweise ganz deutlich. Der eine zieht vielleicht ganz akkurat seine Linien und legt dann die Samen hinein. Ein anderer streut die Samen einfach auf die Erde. Doch bei beiden wächst etwas.

WV: Es gibt auch verschiedene Arten der Bewässerung: In Deutschland sind wir es ja eher gewohnt, den Rasensprenger anzumachen und die ganze Erde zu bewässern. In einem Garten hat ein Pächter um jede Pflanze kleine Mauern gezogen und bewässert nur die Pflanzen darin. In einem anderen Beet wiederum gibt es so etwas wie kleine Wasserläufe, in denen das Wasser entlang fließen kann.

Die Menschen begegnen sich immer wieder und tauschen sich aus. Manche machen sich auch einen netten Tag im Garten. Außerdem machen wir ein Grillfest im Garten oder bieten Workshops zum Thema Gärtnern an. Hier kommen viele und haben eine gute Zeit miteinander.

HL: Haben Sie auch mit Problemen zu kämpfen?

WV: Manchmal ist es schade, dass Gemüse und Obst von Pächtern in der einen Woche noch da ist und die Menschen sich schon darauf freuen, es bald zu ernten, es dann aber auf einmal verschwunden ist. Ansonsten haben wir zum Glück noch nicht das Problem gehabt, dass Unbefugte das Gelände verwüstet haben oder ähnliches. Allerdings haben wir sehr viele Kaninchen und neuerdings auch Wühlmäuse und eine Elster, die einen Teil der Ernte wegfressen.

HL: Erzählen Sie mir zum Schluss noch Ihre schönsten Ernteerlebnisse?

ERP: Das ganze Projekt ist wie ein großer Garten. Am Anfang säten wir die Idee, dann konnten wir miterleben wie daraus etwas wächst. Einiges können wir schon ernten, anderes entpuppt sich als „Wildwuchs.“ Und aus einigen Samen werden richtige Bäume. Ich persönlich freue mich, wenn ich durch den Garten gehe und die erste rote Tomate oder die reifen Erdbeeren sehe. Den Kreislauf der Natur und das Miteinander der Gärtner und Gärtnerinnen mitzuerleben, die sich mit Freude, Umsicht und oft schwerer Arbeit um das Gleiche bemühen, ist auch schon eine Art „Ernte“.

WV: Eine ganz andere Ernte haben wir in einem unserer Nistkästen erlebt. Eines Tages fiel uns ein Gesicht auf, dass am Eingangsloch zu erkennen war. Wir haben in die Hand geklatscht, damit wir sehen konnten, was da in dem Kasten ist. Das Gesicht hat kurz die Augen geöffnet, einmal nach links und rechts geschaut und ist dann wieder eingeschlafen. Wir haben scheinbar einen Siebenschläfer als Gast.

HL: Vielen Dank für den Einblick in dieses spannende Projekt und für das Gespräch!

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