Veröffentlicht von Doris Hüls am Di., 25. Feb. 2020 17:27 Uhr

Wer heute gute 70 Jahre alt oder jünger ist und dazu noch Westeuropäer, hat das Glück, in seinem Leben keinen Krieg erlebt zu haben - zumindest nicht im eigenen Land. So viel Frieden und Wohlstand über einen so langen Zeitraum gab es niemals vorher in unserer Geschichte. Doch damit könnte es bald vorbei sein. Jedoch wird dieser Krieg nicht mit militärischen Mitteln auszufechten und schon gar nicht zu gewinnen sein. Bei diesem Kampf wird es um schwindende Ressourcen gehen. Eine davon ist unser Trinkwasser.

Jeder Mensch hat seinen persönlichen Wasserfußabdruck. Dieser besagt, wie viel Wasser ein Mensch am Tag verbraucht. Allerdings ist diese Menge kaum absolut zu benennen, denn zu diesem Wasserfußabdruck gehört nicht nur die Menge, die wir täglich trinken, zum Kochen benötigen, zum Duschen, Hände waschen, für die Toilettenspülung, zum Wäsche waschen, sondern auch, wie viel Wasser zur Aufzucht, Herstellung, Haltbarmachung und zum Transport der von uns verzehrten Lebensmittel benötigt wird. Und dieser Wert differiert sehr stark, abhängig davon, was ich esse, wie und wo ich lebe.

Doch das ist immer noch nicht alles, denn jedes Kleidungsstück, jedes Haushaltsgerät, jedes Auto, also alles, was ich besitze, verbraucht in seiner Herstellung große Mengen an Wasser, dies ist das sogenannte virtuelle Wasser. So werden beispielsweise für die Herstellung einer Jeans 6 000 Liter Wasser benötigt, für ein Kilogramm Rindfleisch 15 000 Liter, für ein Auto gar mehrere Millionen Liter. Der größte Teil des Wassers fließt also in die verarbeitende Industrie. Und weltweit hat das zum Teil dramatische Folgen: Bereits seit etwa 20 Jahren kommt der Colorado River in den Sommermonaten nicht mehr im Golf von Kalifornien an, weil sich seine sieben Anrainer-Staaten ausgiebig an seinem Wasser bedienen. Das Gleiche gilt inzwischen für den Rio Grande. Der Aralsee zwischen Kasachstan und Usbekistan, einst ein riesiges Binnenmeer von der Größe Bayerns, ist auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft, weil den beiden Flüssen, die ihn speisen, seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewaltige Mengen an Wasser zur Bewässerung der umliegenden Baumwollfelder entzogen wurden.

Seit der UN-Resolution vom 28. Juli 2010 ist der Zugang zu sauberem Wasser ein Menschenrecht. Bei uns wie in allen westlich geprägten Industrienationen kommt das Süßwasser bislang für einen überschaubaren Preis in unregulierter Menge aus dem Wasserhahn, wann immer wir es benötigen. Das ist nicht überall auf der Erde selbstverständlich: laut dem Weltwasserbericht von 2019 haben von 7,7 Milliarden Menschen Weltbevölkerung zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser – mehr als jeder vierte Mensch auf der Erde. Schon seit Längerem ist Süßwasser zu einem Wirtschaftsgut geworden, an welchem seine Händler profitabel verdienen. Zwar investieren sie auch, indem sie Nutzungsrechte kaufen, Kanäle bauen, das Produkt zum Kunden bringen. Aber eben für einen hohen Preis. Wie ist das mit dem Menschenrecht auf den Zugang zu Wasser vereinbar?

Auf dem blauen Planeten gibt es etwa 1,39 Milliarden Quadratkilometer Wasser. Davon sind aber nur 2,5 % Süßwasser. Von diesen 2,5 % wiederum sind 75 % aufgrund ihres Aggregatzustands oder ihrer Lage unerreichbar: sie sind in Eis und Schnee gebunden. Weitere 24,7 % lagern in tiefen Gesteinsschichten oder eingeschlossen in unterirdischen Seen als fossiles Grundwasser. Somit bleiben lediglich

0,3 % des weltweiten Süßwasservorkommens, die uns tatsächlich zur Verfügung stehen in Flüssen, Seen, Talsperren, Feuchtgebieten, Böden und in der Atmosphäre. Man spricht dabei von blauem Wasser. Dieses Wasser zirkuliert permanent in regionalen und globalen Kreisläufen inklusive Mensch und Tier und ist theoretisch unendlich lange nutzbar. So könnte man sagen, wir benutzen immer wieder das gleiche Wasser zum Duschen, Waschen, für die Toilettenspülung etc. Dazu kommt dann noch das grüne Wasser, dies ist das in den Boden eingedrungene Regenwasser. Die uns zur Verfügung stehende Süßwassermenge wird also nicht unbedingt weniger, aber sie ist geografisch höchst unterschiedlich verteilt. Bis 2050 rechnen die Wissenschaftler mit einer weiteren Zunahme der Weltbevölkerung um 1,2 Milliarden Menschen. Und, anders als Öl, ist Süßwasser nicht austauschbar. Wir haben dafür keine Alternative, was bedeutet, dass wir uns die im besten Fall immer gleich bleibende Menge an Süßwasser mit immer mehr Menschen teilen müssen, die Wassermenge also für den Einzelnen weniger werden wird. Immer mehr Menschen benötigen immer mehr Lebensmittel, Kleidung, Gebrauchsgegenstände; all das benötigt Wasser in der Herstellung wie bereits oben ausgeführt. Gut möglich, dass Wasser in Zukunft rationiert werden muss und wird.

Auch der Klimawandel nimmt Einfluss auf die Menge des Wassers. In den Jahren 2018 und 2019 sind die Pegelstände der Flüsse und Talsperren so tief gefallen wie nie zuvor in unserer Lebenszeit und haben sich bislang nicht bis zu ihrem Ursprungslevel wieder aufgefüllt. Um das zu erreichen, bedürfte es monatelangen, ununterbrochenen Dauerregens, und zwar nicht irgendeines Regens, sondern die Art von Regen, welche in die Erde einsickern kann. Auch Schneefall würde helfen. In vielen subtropischen Gegenden weltweit, auch in Südeuropa, also quasi vor unserer Haustür, sind die Jahresniederschläge bereits seit den 1950er Jahren zurückgegangen. Dies bedeutet, dass einige ohnehin schon wasserarme Gegenden noch weniger Niederschlag erhalten, was sich im Zusammenspiel mit der

Erderwärmung und einer höheren Verdunstung sehr negativ auf die Wassermenge auswirkt. Seit einigen Jahren machen wir uns sehr viel Gedanken hinsichtlich Migration aufgrund von Kriegen oder wirtschaftlichen Faktoren. Was passiert wohl, wenn Wasser- und Nahrungsmittelknappheit zu noch größeren Fluchtursachen werden? Vielleicht machen dann auch wir Mitteleuropäer uns auf den Weg in die zukünftigen Wasserländer.

Schon lange geht es bei kriegerischen Auseinandersetzungen um den Zugang zu Wasser.  Ein Beispiel ist der Jordan. In weiten Teilen des Nahen Ostens ist das Wasser permanent knapp. Dem 6-Tage-Krieg von 1967 waren unterschiedliche Vorstellungen der Jordan-Anrainer über die Aufteilung seines Wassers vorangegangen. Die Arabische Liga wollte zwei der drei Hauptzuflüsse des oberen Jordan umleiten, um israelischen Plänen einer Nutzung dieses Wassers für Bewässerungsvorhaben weiter unten im Süden zuvorzukommen. Doch Syrien verlor im Sechstagekrieg die Golanhöhen und ist seitdem von den Quellen des Jordans abgeschnitten. In den folgenden zehn Jahren kam es zu weiteren bewaffneten Zusammenstößen zwischen Israel und Jordanien sowie dem Libanon, und wieder ging es um das Wasser des Jordans.

Die Bedeutung des Wassers für die Menschheit wird auch darin deutlich, dass es in fast allen Religionen eine bedeutsame rituelle Rolle spielt. Bei uns im Christentum kommt dem Wasser sogar eine zentrale Rolle zu, denn wir nutzen es für eines unserer Sakramente, indem wir mit Wasser taufen. Wir tun das auch deswegen, weil Jesus seine Kraft und Liebe mit Wasser vergleicht: „Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten.“ (Joh 4.14)

Alle Zahlen, die ich in diesem Artikel aufgeführt habe, differieren ein wenig, abhängig davon, welche Quelle man zugrunde legt. Ich habe mich im Wesentlichen auf die Angaben von Dieter Gerten bezogen, entnommen dem Buch „Wasser“, erschienen 2018 im C.H. Beck Verlag sowie als Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung.

von Sonja Henkenborg

Foto: Andy Atkins/Pexels

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