Veröffentlicht von Simon de Vries am Mi., 17. Jun. 2020 14:22 Uhr

Neun Wochen keine öffentlichen Gottesdienste in der Kreuzkirche! Das hat es wohl so in dieser Form und seit der Einweihung der Kirche im Jahr 1930 noch nicht gegeben. Selbst in schweren Kriegszeiten war die Kirche zum Gebet und für den Gottesdienst geöffnet und frei zugänglich. Nachvollziehbar sind somit alle ernsthaften Diskussionen der letzten Wochen, in denen die Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte, also auch der freien Religionsausübung, kontrovers diskutiert worden sind. Als lutherische Kirchen vor Ort haben wir gut daran getan, Rücksicht auf die Risikogruppen und insbesondere die älteren Gemeindeglieder zu nehmen, für welche der Sonntagmorgen auch ein wichtiger Tag der Begegnung, des Gesprächs und der Gemeinschaft beim Kirchenkaffee ist. 

In diesen Wochen ohne direkten und leibhaftigen Kontakt mit Gemeindegliedern auf Augenhöhe habe ich regelmäßig und für mich allein in einer Kirchenbank in der Nähe des Taufsteins gesessen und dabei die Tageszeitengebete des „Rummelsberger Breviers“ (eine hervorragende und von mir zu empfehlende Grundlage für die persönliche Andacht!) gelesen und mitgebetet.

Einen für mich ermutigenden Gedanken vor der Wiederaufnahme der Gottesdienste am Sonntag Kantate, den 17.5.2020, habe ich in den Worten der Theresia von Avila (1515-1582) gefunden: „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der Geduldige, und wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt.“ Mit dieser inneren Geisteshaltung wollte ich die Gemeinde begrüßen. Daran konnte auch ein beachtliches Statement des Komikers und Musikers Helge Schneider nichts ändern, der für sich entschied: „Ich trete nicht vor Autos auf (hier stimme ich schon aus ökologischen Gründen voll zu); ich trete auch nicht vor Menschen auf, die anderthalb Meter auseinander sitzen müssen und Mund-Nasen-Schutz tragen.“ Helge macht Pause, während es in der Kreuzkirche tatsächlich am Sonntag mit einem Abendgottesdienst wieder los ging. Kirchenvorstand und Pfarramt hatten im Vorfeld einen Hygieneplan entwickelt und die Aufnahmekapazität wurde mit einem Platzangebot für 36 Menschen als Obergrenze neu berechnet. Wie das wohl am Heiligen Abend gehen soll, kann ich mir momentan noch nicht richtig vorstellen. Sehr dankbar war ich darüber, dass unsere Küsterin Ute Sawitzki die Bankreihen nicht mit rot-weißem Flatterband abgesperrt hatte (was  wohl eher an den Tatortreiniger erinnert), sondern mit dezentem und nicht minder wirkungsvollem Farbband. Günter Wolf an der Orgel sorgte bereits 15 Minuten vor dem Gottesdienst für ein musikalisches Willkommen. Am Eingang begrüßten die Kirchenvorsteher Lars Schubert und Henning Kammer die wenigen Gottesdienstbesucher und wiesen auf die einzuhaltenden Regeln hin. Alles geschah in guter Ordnung und auch mit sehr verständnisvollen Reaktionen derer, die zum Gottesdienst gekommen waren.

Aus meiner Perspektive bot sich mir ein Bild, welches ich immer noch äußerst gewöhnungsbedürftig finde. Immerhin trugen die Gottesdienstbesucher die unterschiedlichsten Masken, zum Teil in modischem Design, aber dennoch häufig nicht fest anliegend, zu einer gewissen Abwechselung meines Blickwinkels bei. Wie gerne habe ich es doch, ein verschmitztes Lächeln, ein fragendes oder überraschtes Gesicht oder das Gähnen vereinzelter Gottesdienstbesucher bei der Predigt zu sehen. Hinter den Masken ist kaum eine Reaktion oder Regung zu erkennen und so ist es nicht verwunderlich, dass manche diese Gottesdienste im Vorfeld als Gottesdienste für „Vermummte und Verstummte“ bezeichnet haben. Der Gemeindegesang entfällt bis heute und umso dankbarer war ich über das Angebot von Kantor Jens Peitzmeier, die Gemeinde mit einem Sologesang an Christi Himmelfahrt und auch bei zwei Taufgottesdiensten am 24.5.2020 zu erfreuen. Wie haben es die Menschen empfunden? Gottesdienste in Zeiten von Corona? „Es war eine schöne Taufmesse!“ „Es hat sich angefühlt wie nach Hause kommen.“ „Das Atmen mit Maske fiel mir aufgrund meines Heuschnupfens schwer.“ „In der Kürze liegt die Würze.“ „Kurze und frei gehaltene Predigten sind ganz wunderbar.“ „Schön ruhig hier und viel Platz.“ „Endlich dürfen wir wieder kommen.“ „Mit Masken werden das historische Tauffotos.“ „Es hat mir gut getan.“

Theresia von Avila ist in diesen merkwürdigen Zeiten immer noch in meinen Gedanken: „Gott allein genügt.“

(von Thomas Kersten)

Kategorien Gemeindeleben