Veröffentlicht von Simon de Vries am Mi., 17. Jun. 2020 14:29 Uhr

Die größte Krise seit dem 2. Weltkrieg – nicht mehr, aber auch nicht weniger – so ordnen Historiker schon jetzt die Corona-Pandemie ein. Ich habe zu Beginn des Ausbruchs die Schattenseiten der Globalisierung deutlich wahrgenommen: Grenzenlose Mobilität trug zur Verbreitung in viele Länder bei. Die Verlagerung systemrelevanter Produktionsketten ins Ausland verursachte viel Kopfzerberechen. Die Erkenntnis wuchs, dass Gesundheit, Solidarität, Naturschutz und viele andere Werte dann eben doch wichtiger sind als Geld und „billiger“ nicht das einzige wichtige Kriterium ist und sein darf.

Deutschland hat es nicht so schwer getroffen wie andere Länder: Auf der einen Seite hatten wir wohl schlicht Glück, dass es keinen Ausbruch gab, der längere Zeit unentdeckt blieb. Auf der anderen Seite reagierte die Gesellschaft mit den Tugenden, die oft als „typisch deutsch“ gelten: akkurate Regelungen und Disziplin. Nachbarschaften und Familien sind neu zusammen gerückt. Hilfsbereitschaft und Solidarität haben geholfen, die erste Welle gut zu meistern. Ich habe ein „Wir“ gefühlt und wahrgenommen – in den Botschaften der Kanzlerin und auch sonst in der Politik. Ein wichtiges „Wir“, denn viele Menschen sind zu Hause geblieben und waren damit isoliert. Manche zur Sicherheit des eigenen Lebens, viele auch ungewollt. Der Mensch ist nun mal auf Gemeinschaft angewiesen – trotz aller Individualisierung.  

Viele Menschen durchdachten und durchdenken Ihr Leben neu – und suchen dabei das Wesentliche: Zuerst galt es, Leben zu schützen und Ansteckungen zu verhindern. Geld war dabei weniger wichtig. Vieles, das vorher undenkbar war, ging jetzt doch – weil es musste. Das Wesentliche – das war auch die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Alltagswaren. Nudeln und Toilettenpapier erlebten eine interessante Wertsteigerung.

Ich lernte in der Coronakrise durch Zuhören am Telefon – besonders bei älteren Menschen. Ihre Lebenserfahrung hilft. Ihre manchmal stoische Ruhe unterstützt bei aller Aufregung, selbst ruhig zu bleiben. Viele Ältere haben mir gesagt: „Das Leben geht weiter“ – und meinten damit nicht Ihr eigenes irdisches Leben, sondern das Leben der nächsten Generationen oder gar das Leben über jegliches irdische Leben hinaus. Es hatte was Beruhigendes, dieser Satz.

Bis zu 3000 Klicks verbuchte das Internet auf eine GN-Andacht am ersten Höhepunkt dieser Coronakrise, mehr als 300 Personen lauschten Woche für Woche der ökumenischen Telefonandacht. Eine solche Nachfrage hätte ich mir vor Corona nicht vorstellen können. Gottes frohe und tröstende Botschaft wurde neu entdeckt, suchte neue, aufregende Wege und fand dankbare Hörer.

Momentan befinden wir uns in einer Zwischenzeit. Die erste Welle wurde gebrochen. Die Infektionszahlen bleiben niedrig trotz der vielen Lockerungen. Dabei hat das Wetter und die Verlagerung des Lebens nach draußen bestimmt auch eine Rolle gespielt. Wir suchen einen Alltag mit dem Virus.

Neue Hoffnungen, Träume und Visionen entwickeln sich. Nicht wenige Menschen hoffen, dass wir aus dieser Pandemie gute Erkenntnisse in die neue Zeit mitnehmen: Das „Wir“, die Solidarität, den Zusammenhalt, die Erkenntnis, das vieles geht, was man für undenkbar hielt und dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als Finanzierbarkeit. So manches muss und kann keinen finanzielles Gewinn abwerfen und ist trotzdem wichtig. Solidarität, Gesundheit und Klimaschutz stehen dabei für mich auch mit vorne auf der Liste.

Was ich aus der Krise dabei mitnehmen möchte, ist dieses: Ich träume davon, dass die Grundlage dessen, was jetzt kommt, die Bereitschaft zum offenen Lernen ist. Wir müssen „Undenkbares“ eben doch denken. Viele Gesetzmäßigkeiten von vor Corona gehören auf den Prüfstand. Die Digitalisierung bietet hierzu enorme Chancen, aber auch manche Risiken. Der Zugang zu ihr stellt einen Schlüssel dar. Nur wer offene Teilhabe hat, kann die Gesellschaft neu mitgestalten. Die Hoffnung auf voll digitalisierte Schulen und Behörden sowie schnelles Internet auch in den letzten Winkel des Landes treibt zur Zeit viele an. Dies gilt auch für unsere Kirchengemeinden. Gottesdienste im Internet, Videoandachten per Abruf und Liveübertragungen bei facebook bilden wichtige, neue Formen. Sie verkünden Gottes Wort. Sie benötigen aber auch entsprechende technische Geräte und einen funktionierenden schnellen Breitband- oder gar Glasfaseranschluss in allen Gebäudeteilen.

Ich träume auch von einer globalen Zusammenarbeit. Nicht nur „wir in Nordhorn“ und „wir in Deutschland“, sondern ein „wir Menschen“. Eine globale Herausforderung erfordert eine globale Antwort. Die Suche nach einem Impfstoff führt uns das direkt vor Augen. Schön wäre es, auch auf anderen Gebieten vertrauensvoller und auf Augenhöhe zusammenarbeiten zu können. Ich träume von „mehr Einheit in der Verschiedenheit“. Das es möglich ist, haben wir gerade an Pfingsten in den Kirchen erlebt. Der Heilige Geist schafft, was wir für „undenkbar“ halten. Schließlich träume ich noch davon, dass mit dieser Krise die nächste große Katastrophe – der Klimawandel – noch eingedämmt werden kann. Zumindest in Deutschland haben wir gelernt: Ein weitreichender Verzicht, das Sich-Zurücknehmen als Mensch, kann einen exponentiellen Anstieg, eine Katastrophe verhindern. Ich hoffe, dass wir das auch bei Gottes Schöpfung umsetzen können. Als Christen sind wir nicht aufs Träumen beschränkt. Das Gebet hat ein großes Gewicht und der Heilige Geist schafft, was wir nicht schaffen. Und wir dürfen dabei sein und mithelfen. 

(von Holger Schmidt)

Kategorien Gemeindeleben