Veröffentlicht von Simon de Vries am Mi., 17. Jun. 2020 14:31 Uhr

Einige besondere Erfahrungen in einer besonderen Zeit: 

Geburtstags-Ständchen

Weil ich das Geburtstagskind nicht besuchen kann, rufe ich einen unserer Senioren an. Kurz bevor er den Hörer abnimmt, entscheide ich mich, ein Lied anzustimmen. Der Jubilar ist baff vor Erstaunen und sagt dann: „Das hab ich auch noch nicht erlebt, dass der Pastor mir was vorsingt! Da muss wohl erst Corona werden.“ 

Tränen

Ein Gemeindeglied muss ins Krankenhaus. Es sind genau die Wochen, in denen weder ich noch seine Frau ihn dort besuchen können. Wir wissen, dass es ihm gar nicht gut geht. Am Tag versuche ich andere zu trösten. Am Abend laufen mir selbst die Tränen übers Gesicht. Ihn jetzt dort ganz alleine zu wissen, ist zu schwer für mein Herz. 

Abendgebet hybrid

Als wir beschlossen haben, dass es sonntags keine Gottesdienste mehr geben wird, gehe ich am Samstagnachmittag ein wenig trotzig in die Kirche. „Kann doch nicht sein“, denke ich. Um 18 Uhr werden die Glocken läuten. Zum ersten Mal teste ich die Funktion „livestream“ auf facebook und lade alle, die zuschauen ein, am Abend mit mir zu beten. Für jedes Gebetsanliegen möchte ich eine Kerze anzünden. Am Ende des Gebets brennen fast alle Kerzen am Leuchter. 2000 Menschen haben sich das Video angeschaut. Seit einiger Zeit dürfen wieder Menschen kommen. Seitdem feiern wir an jedem Werktags-Abend das Abendgebet mit Menschen, die vor Ort sind und Menschen, die bei sich zu Hause sind. Es ist eine wunderbare Gemeinschaft.

Kirche fast vergessen

Ich rufe ein Gemeindeglied an. Ein wenig hab ich Sorge um sie. Wie es ihr wohl gehen mag? Ob sie einsam ist? Ob ihr die Decke auf den Kopf fällt? Ich kann es mir richtig in Gedanken ausmalen. „Ach, Herr Pastor! Stimmt, Sie gibt es ja auch noch. Die Kirche hab ich schon fast vergessen!“ Kurz erschrickt sie über ihre eigenen Worte, aber dann müssen wir lachen. Sie ist gut beschäftigt, hat viel in der Wohnung aufzuräumen und langweilig ist ihr mal überhaupt gar nicht. Ich bin beruhigt. 

Schwerer Abschied

Ich leite eine Beerdigung außerhalb von Nordhorn.  Wir können nicht in die dortige Kapelle. Alle tragen Masken. Der Abstand muss gewahrt bleiben. Ich versuche, tröstende Worte zu finden, aber es bleibt schwer: Nach 60 gemeinsamen Jahren konnte die Witwe ihren Mann in seinen letzten Wochen kein einziges Mal im Pflegeheim besuchen. Nach dem Segen und dem Verweilen am Grab möchte ich die Zurückbleibenden am liebsten in den Arm nehmen. Noch nicht einmal die Hand kann ich ihnen geben. 

Brot & Wein

Für unsere Initiative ZwischenZeit hatten wir uns etwas für den April überlegt: Mit vielen Menschen an einem ganz langen Tisch zusammenkommen, um Brot & Wein (und noch ganz viel mehr) zu teilen. Nun dürfen wir uns nicht treffen. Aber wir versuchen es digital als Videokonferenz. Und für uns alle überraschend: Es gelingt. Jede/r hat ein Glas Wein oder ein anderes Getränk dabei. Wir erzählen. Wir lachen. Wir lernen uns kennen. Am Ende sagt jemand: „Ich wusste nicht, ob das etwas für mich ist. Aber so viel Wertschätzung habe ich schon lange nicht mehr gespürt.“

Susanne

Als Reaktion auf unsere erste Online-Andacht bei den Grafschafter Nachrichten bekommen wir eine Rückmeldung von einem KiTa-Kind: „Das war ja ganz schön, aber Susanne hat gefehlt!“ Susanne ist die Handpuppe, mit der ich jede Woche in der KiTa bin. Spontan nehme ich ein Video mit ihr für YouTube auf. Inzwischen sind daraus 21 Folgen geworden. Wenn es sonst schon wenig Leute im Pfarrhaus gibt, mit denen ich sprechen kann, spreche ich halt mit der Handpuppe. Inzwischen bekommt Susanne Post von Fans aus der ganzen Republik.  

(von Simon de Vries)

Kategorien Gemeindeleben