Veröffentlicht von Doris Hüls am Fr., 17. Jul. 2020 10:30 Uhr

Einen vielleicht nicht ganz so bekannten Traum aus der Bibel möchte ich Ihnen heute etwas näher bringen – den Traum Nebukadnezars. Nebukadnezar verlangt von seinen Wahrsagern, dass sie ihm sagen sollen, was er geträumt hat und welche Bedeutung dieser Traum hat. Sie scheitern, nur der judäische Prophet Daniel kann dem König antworten und den Traum deuten. Am Ende soll Daniel zum Fürsten über Babel ernannt werden.

Das Buch Daniel gliedert sich in drei Teile: in zwei Teile mit Erzählungen und in einen mittleren mit seinen Visionen. Der Traum Nebukadnezars steht im ersten Erzählteil
(Kapitel 2).

Wer ist Daniel überhaupt?
In welcher Welt lebt er?

Daniel ist ein junger Mann, der schon bei der ersten Verschleppung aus dem Südreich Juda um 605 v. Chr. nach Babylon gelangte. Dort wird er auch ca. 90jährig sterben. Er bleibt zeitlebens seinem Gott treu. Am Ende des Exils kehren nur etwa 50.000 Juden nach Palästina zurück, viele bleiben im Exil – zuerst im babylonischen, später im persischen Reich. Ein Grund dafür, dass sich auch das Christentum 600 Jahre später in dieser Region ausbreiten konnte, denn die ersten christlichen Missionare predigten oft in den dort schon vorhandenen Synagogen.

Ich erzähle vereinfachend die komplizierte und an Verwicklungen reiche Geschichte. Die Zitate stammen aus der Lutherbibel 2017.

„Im zweiten Jahr seiner Herrschaft hatte der babylonische König Nebukadnezar einen Traum, über den sein Geist so erschrak, dass er aufwachte. Und der König ließ alle Zeichendeuter und Weisen und Zauberer und Wahrsager zusammenrufen, dass sie ihm seinen Traum sagen sollten. Und sie kamen und traten vor den König.“ Die Weisen und Traumdeuter können den Traum nicht deuten. „Da wurde der König sehr zornig und befahl, alle Weisen von Babel umzubringen. Auch Daniel und seine Gefährten suchte man, um sie zu töten.“ Schließlich geht Daniel, ein judäischer Gefangener, zum König. Daniel kann den Traum des Königs von einem riesigen, schrecklichen Bild, auf dem eine aus vier unterschiedlichen Metallen (Gold, Silber, Bronze und Eisen) gefertigte Figur von Steinen zerstört wird, wiedergeben. Und er interpretiert, deutet ihn: „Mit deinem Traum und deinen Gesichten (=Visionen), als du schliefst, verhielt es sich so: Du, König, dachtest auf deinem Bett, was dereinst geschehen würde; und der, der Geheimnisse offenbart, hat dir kundgetan, was geschehen wird.(...)

Nun wollen wir die Deutung vor dem König sagen.“ Er erzählt Nebukadnezar von den drei Königreichen, die auf sein Reich folgen werden. Alle werden sie untergehen. „Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst (Erg.: das Reich) wird ewig bleiben. (...) Und der König antwortete Daniel und sprach: Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige, der Geheimnisse offenbaren kann, wie du dies Geheimnis hast offenbaren können. Und der König erhöhte Daniel (...) und machte ihn zum Fürsten über das ganze Land Babel.“ Daniel nimmt dies nicht an. Stattdessen sollen seine Freunde die damit verbundenen Ämter übernehmen. Und weiter: „Daniel aber blieb am Hof des Königs.“ Sprich: er macht Karriere – ähnlich wie Joseph in Ägypten.

Was ist mit diesen vier Reichen gemeint?

Es gibt verschiedene Deutungen. Dies ist die des Kirchenvaters Hieronymus, die bis ins Mittelalter Bestandteil der christlichen Lehre war: Der Kopf aus Gold steht für den König Nebukadnezar und sein babylonisches Reich. Der Oberkörper aus Silber für das persische Reich, die bronzene Hüfte für Alexanders Großreich und die Beine für das römische Reich. Die zermalmenden Steine stehen dafür, dass Gott ein Königreich aufrichten wird, das ewig besteht und alle anderen Königreiche „vernichtet“.

Was hat diese Geschichte uns heute zu sagen?

Daniel bekommt in der Nacht die Offenlegung des Traumes durch Gott. Dafür dankt er ihm, spricht mit ihm, betet. Das Gebet Daniels hilft ihm in schwierigen und gefährlichen Zeiten. Er wird das später in der Löwengrube und im Feuerofen spüren und wird dabei immer wieder durch die Hilfe Gottes gerettet. Daniel weigert sich, falsche Kompromisse einzugehen. Er beweist Entschlossenheit, „Alternativen zu finden, die Gott gefallen“ – auch in einer fremden, nicht an den Gott Israels glaubenden Gesellschaft. Daniel denkt nicht nur an seine Freunde, sondern auch an seine von der Todesstrafe bedrohten Konkurrenten, an die babylonischen Wahrsager. Man kann Daniel durchaus auch als Weisen bezeichnen. Denn er erkennt, dass die Deutungshoheit der Träume bei Gott liegt. Deshalb sind in der Bibel „Träume keine Schäume“. Es geht hier nicht nur um die Weltgeschichte der Antike, sondern um alle Menschen, auch um die Herrschenden. Alle sind sie in ihren Grenzen verhaftet und können gegen Gottes Willen nichts ausrichten. Gott dagegen ist allmächtig. Er schweigt nicht in der Fremde, in der Diaspora. Sondern er wendet sich immer wieder seinem auserwählten Volk, seinem Bundesvolk, zu. Und am Ende der Zeiten wird es keine irdischen Könige mehr geben.

Diaspora (griech.): Verstreutheit, Zerstreuung. Unter Diaspora verstand man die außerhalb Palästinas lebenden Juden. Heute bezieht der Begriff lokale Minderheiten mit ein.

Den geschichtlichen Hintergrund entnahm ich, inhaltlich frei formuliert, dem „Bibelwissen kompakt“, von: Michael Beaumont, Bearbeitung Bettina Wellmann, Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 2007.

von Jürgen Reichle

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