Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 20. Aug. 2020 10:06 Uhr

Der Schweizer Shimon Lang hat zunächst in Basel als Versicherungsmathematiker gearbeitet. Als er das als nicht mehr befriedigend empfand, hat er in Zürich Psychologie mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendpsychologie studiert. Durch seine Frau Karina ist er in Osnabrück sesshaft geworden. Hier lässt er sich neben seiner Tätigkeit als klinischer Psychologe zum Rabbiner ausbilden. Bereits jetzt bekleidet er für die Osnabrücker jüdische Gemeinde das Amt des Rabbi, weil diese Stelle durch Weggang des Vorgängers vakant geworden war.

Das Interview führen Almut und Udo Sander.

Sander: Lieber Herr Lang, wir danken Ihnen, dass Sie zu einem Gespräch zu den Religionen im Allgemeinen und dem Judentum im Besonderen bereit sind. Denn Sie hatten und haben in diesen Tagen wenig Zeit, weil Ihre Familie um ein Mitglied größer geworden ist. Wir gratulieren herzlich zu Ihrem Sohn.

Lang: Ja, das stimmt, wir sind sehr glücklich und dankbar. Es ist ja nicht so, dass ich einfach nur Familienmensch bin, sondern die Familie ist im Judentum eine zentrale Gruppe. Mann und Frau, Mann und Frau und Kinder, Mann und Frau und Kinder und die Gemeinde, Mann und Frau und Kinder und die Welt, in dieser Reihenfolge sehe ich unsere gemeindliche Verbundenheit. Wenn auf dieser Linie alles stimmt, dann gelingt unser Leben vor Gott.

Sander: Eine anspruchsvolle Aufgabe in unserer komplizierten Welt. Wie stärken Sie die Familien in Ihrer Gemeinde auf diesem Weg?

Lang: Wir reden ja von einer Idee, einem Konzept, das sich in der Realität bewähren muss, was aber natürlich nicht immer funktioniert. Dafür sind wir Menschen zu kompliziert. Sicherlich helfen mir meine Kenntnisse aus der Kinder- und Jugendpsychologie. Aber mir und meinem Glauben geht es um Lebensfreude, um das Glück im Miteinander, in dem wir Sinn erfahren. Judentum zu reduzieren auf Holocaust, Antisemitismus und die Politik des Staates Israel, nimmt nicht die Säulen unseres Glaubens in den Blick. Um die Freude unseres Glaubens erfahrbar zu machen, setzen wir zentral bei der Erziehung der Kinder und der Begleitung der Jugendlichen an. Wir möchten, dass sie den Sinn der von Gott geschenkten Freiheit erleben dürfen. Gängelung, Einengung, gar Machtkämpfe haben in der Erziehung nichts zu suchen. Zugleich ist uns eine Wertebindung wichtig. Freiheit ohne Ziel, Freiheit ohne Orientierung läuft leer, mit meiner Freiheit muss ich umgehen können, das ist meine Aufgabe als Mensch, auch als junger Mensch. Auf diesem Weg begleiten wir unsere jungen Menschen zum Beispiel durch das Angebot eines Jugendzentrums hier in unserem Gemeindezentrum.

Sander: Ist hier auch eine Verbindung zu der 3-Religionen-Schule hier in Osnabrück zu sehen?

Lang: Ja, in gewisser Weise schon. In dieser Grundschule in der Trägerschaft der katholischen Kirche, begleitet von christlichen, jüdischen und islamischen Instanzen, sehen wir einen besonderen Schatz der Verständigung. Und inzwischen konnten wir mit der Unterstützung der katholischen Kirche sogar einen jüdischen Kindergarten eröffnen, den unsere Tochter besucht. Zugleich wird die 3-Religionen-Schule in die Sekundarstufe 1 weitergeführt. Das sind wichtige Einrichtungen, aber das Herz unserer Erziehung ist die Familie, dann die Gemeinde.

Sander: Erzählen Sie uns bitte etwas von Ihrem Gemeindeleben.

Lang: Die jüdische Gemeinde in Osnabrück besteht, wie alle in Deutschland, vorwiegend aus älteren Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns gekommen sind. Wir bemühen uns, allen Gemeindegliedern Geborgenheit zu geben. Wichtiger als Vorträge sind dabei immer Beziehungen, also die Menschen da abzuholen, wo ihr Bedürfnis nach Gemeinschaft ist. Hier erweist es sich als besonders schwierig, das Mittelalter zu gewinnen. Da sehe ich einen Schwerpunkt meiner Arbeit. Für Kinder und Jugendliche gibt es Ideen und Angebote, die auch wahrgenommen werden, zum Beispiel das Jugendzentrum „Lev Echad – Ein Herz“. Uns ist das Miteinander, das Leben-Teilen wichtig. Ein Beispiel: Die jüdischen Gesetze für die Zeit der Menstruation der Frau besagen, dass es zwischen den Eheleuten circa zwei Wochen lang keine Berührung gibt, wenn eine Frau ihre Mens hat. Danach ist ein rituelles Tauchbad in der Mikva (Tauchbad) vorgeschrieben. Dieses Tauchbad, die Mikve, ist als Ritual der wieder gewonnenen Nähe ganz wichtig. Für die Eheleute wird all das nicht als Zwang empfunden, sondern nach diesem Bad freut man sich wieder aufeinander und sich wieder spüren zu können. Und die Gemeinde nimmt an diesem familiären Leben Anteil.

Sander: Was könnte für die Kinder und Jugendlichen an Religion wichtig sein?

Lang: Mein ganz persönlicher Ansatz, aber auch der der Gemeinde, besteht darin, den Kindern und Jugendlichen die Freude an Religion, die Freude an Gott, ja: Glaubensfreude zu vermitteln. Unsere Religion ist ein Gefühl, etwas Lebhaftes, etwas Lebendiges, das Nähe und Geborgenheit schenkt. Was gibt uns unsere Religion, worin besteht ihr innerer Reichtum, das sind meine Zielfragen. Unser Proprium, das uns von anderen Religionen unterscheidet, ist klar: Wir haben den Gott der Freiheit, der aus der Sklaverei befreit, leibhaftig erlebt. Und diese Freiheit geht soweit, dass wir miteinander sozusagen demokratisch um den rechten Weg zu dem, was Gott will für uns, gerungen haben und immer weiter ringen. Diese besondere Diskussion- und  Streitkultur sehe ich als besonders wertvoll an. Diese engagierte Suche nach Gott, nach seiner Gerechtigkeit, die auch soziale Gerechtigkeit bedeutet, ist für uns zentral und wird es bleiben. Wir sind immer und ständig auf dem Weg und werden es bleiben, wir werden mit unserer Wahrheitssuche nicht fertig.

Sander: Die Frage nach der Wahrheit, die Frage, wer Recht hat, hat schon viele Menschen und Menschengruppen entzweit.

Lang: Ja, das ist wahr. Aber die Wahrheit beginnt konkret in der Familie im liebevollen Miteinander. Das Erlebnis der Gemeinschaft, die Freude gemeinsamen Feierns, zum Beispiel des Shabbats, der tiefe Sinn des Streitens um die Wahrheit in Würde und Respekt – das trägt durch die schweren Zeiten des Lebens. Wir dürfen erfahren: Gott ist toleranter als die Menschen.

Sander: Rabbi Lang, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Kategorien Themenschwerpunkt