Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 20. Aug. 2020 10:09 Uhr

Gretchen: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,

Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.
Faust: Lass das mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ ich Leib und Blut,
will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.
Gretchen: Das ist nicht recht, man muss dran glauben.

Faust: Muss man?
(nach Faust I von Johann Wolfgang von Goethe)

Faust und Gretchen verwenden die Begriffe Religion und Kirche synonym, d. h. die Begriffe haben dieselbe Bedeutung für sie. Für Faust ist die Unterscheidung nicht so wichtig, denn in der Situation hat er nur ein Interesse, nämlich Gretchens Vertrauen zu gewinnen: Ich steh für meine Lieben ein. Für Gretchen darf die Kirche bzw. die Religion nicht hinterfragt werden. Faust erweist sich hier als Freigeist. Dummerweise hat er aber seine Seele dem Teufel, der ihn in Form eines Pudels besuchte, vermacht. Und leider geht auch für Gretchen die Geschichte nicht gut aus.

Vom Wesen der Religion

Der Glaube an einen Gott oder an mehrere Götter gibt Menschen Kraft. Sie erkennen ihren Lebenssinn darin und orientieren sich in ihrem Verhalten an den Vorschriften ihrer Religion. Für viele Menschen gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Tod dazu.

Man kann sich diesem Thema unter verschiedenen Gesichtspunkten nähern: geschichtlich bzw. religionsgeschichtlich, Gottesbild, Erlösungsgedanke und Jenseits. Aber auch unter dem Blickwinkel, wie die Umwelt in den Religionen wahrgenommen wird: Naturgottheiten, Naturerhalt, sorgsamer Umgang mit den natürlichen Ressourcen, also mit dem, was die Natur bietet. Möglicherweise aus heutiger Sicht eine überhöhte Vorstellung des Eins-Werdens oder Eins-Seins mit der Natur.

Viele der heute vorkommenden Religionen haben ihren Ursprung in vorgeschichtlicher Zeit. Alles, was der Mensch damals tat, war gleichzeitig religiös und politisch, wirtschaftlich und künstlerisch (Toynbee). Eine gewisse Schwierigkeit liegt aber darin, dass es gerade bei diesen Religionen keine schriftlichen, sondern nur mündliche Überlieferungen gibt. Wir sind deshalb auf  Überreste, die die Archäologie findet, angewiesen. Unterschiedlichen Interpretationen, Deutungen sind damit Tür und Tor geöffnet. Das gilt auch für Religionen, die schriftliche Überlieferungen haben, wie die Religionen des Altertums bzw. die der Germanen und Kelten. Man weiß zwar einiges über die Mythologie, z. B. Zeus als Göttervater, Wotan, Freia und Thor als germanische Gottheiten. Aber man weiß nicht alles über die heiligen Handlungen, die Riten.

Aus den bisher gemachten Ausführungen kann man erkennen, wie schwierig es ist, sich über Religion zu verständigen. Das hängt damit zusammen, dass es verschiedene Auffassungen gibt, was Religion im Kern ausmacht. Befürworten oder lehnen wir die Religion ab? Ist es überhaupt richtig, von einer Religion im Allgemeinen zu sprechen? Gibt es noch andere Definitionen, Begriffsbestimmungen von Religion, außer der einfachen Übersetzung des Wortes „Religion“? Aufgrund der vielen verschiedenen Definitionen scheint es sinnvoll zu sein, dass man sich, was unser Thema betrifft, auf einen Begriff einigt.

Eine kurze, überschaubare Definition von Religion mit sieben Aspekten (Merkmalen) findet sich bei N. Smart, einem Religionswissenschaftler.
An dem Beispiel „Christentum“ lassen sich diese Merkmale ganz gut veranschaulichen. Das Christentum kennt selbstverständlich Rituale (Praxis) wie das gemeinsame Gebet, den Gottesdienstablauf, das Abendmahl/die Eucharistie. Dabei wird auch die Emotion (Gefühlsebene) angesprochen, zumindest sollte dies der Fall sein. Die drei Buchreligionen, Judentum, Christentum und der Islam stützen sich auf Bücher, die Heilige Schriften, ähnlich wie dies auch bei den Hindus der Fall ist (Mythen oder Erzählungen). Kirchen sind Einrichtungen, also Institutionen. Soziale Dinge wie Diakonie und Caritas und Aktionen wie Brot für die Welt oder Misereor gehören untrennbar dazu - verbunden und begründet mit dem Auftrag der Nächstenliebe und mit weiteren Vorschriften (Ethik, Gesetzgebung).

Die Kunst des Mittelalters war überwiegend eine kirchliche, sakrale Kunst. Heilige Orte sind die Geburtskirche, aber auch die Marien-Grotte in Lourdes kann ein solcher Ort für unsere katholischen Geschwister bedeuten. Und schließlich beschäftigt sich die Theologie als Wissenschaft, ähnlich wie Philosophie, mit den Heiligen Schriften.

Die Lehren einer Religion über das Heilige und Transzendente (Jenseitige) sind nicht beweisbar, sondern beruhen auf ganz persönlichen, gefühlten Erfahrungen und auf dem Glauben an Mitteilungen bestimmter Vermittler (Religionsstifter, Propheten, Schamanen - das sind Priester bestimmter Naturreligionen). Diese Mitteilungen werden in vielen Religionen als Offenbarung bezeichnet. Religion kann Wertvorstellungen, menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen beeinflussen und prägen. Und: Religiöse Erfahrungen entziehen sich weitestgehend einer wissenschaftlichen Überprüfung. Das gilt auch für alle bisherigen vergeblichen Versuche, die Existenz eines Gottes wissenschaftlich zu belegen.

von Jürgen Reichle

Verwendete Literatur: Smart, Ninian: Die großen Religionen. Universitas, München. 1988. In: Meike Roth-Beck (Konzeption): Projekt Leben, Lehrwerk für Philosophie und Ethik in der Sek II, Klett-Verlag, Stuttgart 2009, S. 288, 286. Toynbee, Arnold J.: Die Bedeutung der Weltreligionen. In: Hermann Nink (Hrsg.): Standpunkte der Ethik. Lehr- und Arbeitsbuch für die gymnasiale Oberstufe. Bildungshaus Braunschweig, 2010. S. 338 ff

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