Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 20. Aug. 2020 10:17 Uhr

Wir sitzen im Kreis. In der Mitte liegen zwei Schilder. „Polytheismus“ steht auf einem, „Monotheismus“ auf dem anderen. Ich glaube, das sind die beiden schwierigsten Wörter, die meine Schüler im Religionsunterricht der Grundschule kennen lernen. Die Kinder finden es auch nicht ganz so leicht, sich die Wörter einzuprägen. „Irgendwas mit Tee“, sagt einer. Aber was sie bedeuten, wissen sie schon. „Das eine ist, wenn man glaubt, dass es viele Götter gibt, das andere sind wir – wir haben nur einen Gott.“

In der Grundschule Blanke wird Religionsuntericht konfessionell-kooperativ erteilt. Das bedeutet, dass alle Kinder einer Klasse zusammen Religionsunterricht erhalten und nicht in „Evangelische Religion“ und „Katholische Religion“ unterschieden wird. Meist nehmen daran alle Kinder in der Klasse teil – also auch die, die einer anderen oder keiner Religion angehören. Das wird dann besonders interessant, wenn wir die Religionen „Christentum“, „Judentum“ und „Islam“ kennen lernen und vergleichen.

In der vierten Klasse, die ich unterrichte, gibt es einige muslimische Kinder. Sie können und sollen selbst aus ihrem religiösen Leben berichten. Jedenfalls habe ich mir das so vorgestellt.

Das erste Erstaunen kommt gleich zu Beginn. „Wir gehen nicht in die Moschee“, sagt ein Junge, „und fasten machen wir auch nicht.“ Da haben wir schon die erste Gemeinsamkeit, stelle ich fest. Nicht alle Menschen, die dem Islam angehören, leben ihren Glauben. Genau wie bei den Christen.

Aber nach und nach tragen wir zusammen. Ein Junge bringt die Dinge mit, die er Zuhause zum Beten benutzt: Einen Koran und einen Gebetsteppich. Er spricht uns ein Gebet vor und zeigt, wie er den Teppich benutzt. Das Gebet ist arabisch. „Kannst du das mal übersetzen?“, fragt jemand – na ja, so ungefähr schon. Er lernt noch Deutsch und kennt viele religiöse Wörter nicht. Er erzählt aus der Moschee und von den Gebetsketten – „Das ist ja wie bei uns der Rosenkranz“, sagt ein katholisches Mädchen und die anderen fragen direkt nach: „Was ist denn ein Rosenkranz?“

Dass manche Frauen Kopftuch tragen, wissen eigentlich alle, auch dass Muslime kein Schweinefleisch essen, ist bekannt. Aber warum eigentlich nicht? „Weil im Koran steht, dass Schweine unrein sind“, erklärt ein muslimischer Junge. Vom Fastenmonat berichten die Kinder auch. Manche der Jungs fasten schon mit, aber nicht die ganze Zeit. „Das ist mega hart“, berichten sie und sind so richtig stolz auf die Tage, an denen sie es trotzdem geschafft haben, nicht zu essen und nicht zu trinken. „Gibt es dann am Ende beim Zuckerfest eigentlich auch Geschenke?“ ist eine der wichtigsten Fragen. Weihnachtsgeschenke ist das größte – da muss es doch für Muslime auch so was Ähnliches geben. „Nur Süßigkeiten, Geschenke gibt es zum Opferfest.“ Na, dann ist ja gut.

Für das Judentum bringe ich Dinge mit, die man kennen lernen kann. Ich baue Stationen auf mit vielen Sachen zum Ausprobieren. Wir lernen den Davidstern kennen und warum er auf der israelischen Flagge ist. Auch zum Sabbat gibt es eine Station – mit Sabbatbrot aus süßem Hefeteig. Wir überlegen, wie wir wohl den Tag verbringen würden, wenn man sich nicht anstrengen soll – ohne Fahrradfahren, ohne Kochen, ohne Sport und Toben. Zum Glück ist Fernsehen erlaubt. Eine Schriftrolle habe ich auch dabei. Wir probieren aus, wie man nur mit Konsonanten von rechts nach links schreibt – so wie in der Thora. Das ist fast wie eine Geheimschrift. Am eindrücklichsten finden die Kinder den großen Schal, den ich dabei habe. Es ist zwar kein jüdischer Tallit, aber man kann ihn wie einen Gebetsmantel über die Schultern legen. „Das ist so, als ob Gott mich im Arm hält“, sagt ein Mädchen. „Warum machen wir das eigentlich nicht auch so beim Beten?“, fragt sie. „Das ist doch voll schön!“

Dann kommt das Christentum an die Reihe. Jetzt wollen viele erzählen und es geht drüber und drunter. Wir hüpfen von Weihnachten zu Ostern, von da zum Kirchengebäude und zu Sommerfreizeiten mit der Kirchengemeinde. Dann erzählen manche von ihrem Dienst als Messdiener. Einige erzählen Bibelgeschichten, andere haben schon mal eine Taufe miterlebt und wieder andere sind beim Krippenspiel dabei und wollen unbedingt die Weihnachtsgeschichte erzählen. Auch vom Kommunionunterricht, vom Konfer und dem Kindergottesdienst hören wir und die christlichen Lieder aus der Kita können viele mitsingen.

Am Ende überlegen wir, was wir gemeinsam haben und wo sich die Religionen unterscheiden. „Eigentlich sind voll viele Sachen bei euch so ähnlich wie bei uns!“, stellt ein muslimischer Junge fest. Genau. Und umgekehrt auch. Auch wenn die Kinder Wörter wie „Monotheismus“ wohl schnell wieder vergessen – wenn sie im Kopf behalten, dass die drei Religionen sich in vielen Dingen ähnlich sind, haben sie das Wichtigste gelernt.

von Simone Schmidt-Becker

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