Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 20. Aug. 2020 10:19 Uhr

Mindestens einmal jährlich veröffentlichen die Kirchen eine Statistik: Zahl ihrer Mitglieder, Abnahme durch Kirchenaustritte usw. Auch als Mitglied einer Kirche darf man schon fragen: Hat die Religion überhaupt noch eine Bedeutung in unserer (deutschen) Gesellschaft?

„Wer so fragt, geht davon aus, dass Religion eine Bedeutung in der Gesellschaft hat.“ (Huber). Die meisten oder zumindest viele sind der Meinung, dass Religion eine Privatsache sei und jede/r entscheiden muss, was ihr oder ihm Religion bedeutet – oder auch nicht. „Mit jeder Religion verbindet sich ein umfassender Anspruch. Es gibt keine Religion, die ohne Konsequenzen für die Lebensführung bleibt. Insofern hat jede Religion auch eine politische Dimension. Sie betrifft nicht nur das private, sondern auch das öffentliche Leben.“ Dieser Feststellung des ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Wolfgang Huber, kann (…) kaum widersprochen werden.  Zwei Aspekte sollen hier herausgegriffen werden: Einerseits eignen sich Religionen, vielleicht muss man genauer formulieren, der Glaube, dazu, Kriege zu entfachen und Gotteshäuser anzuzünden. „Andererseits eignet sich er sich aber auch, politische Probleme mit einer Klarheit zu benennen, zu der die Politik schon lange nicht mehr fähig war: etwa die europäischen Flüchtlingsgesetze infrage zu stellen und eine weltweite Debatte über soziale Gerechtigkeit auszulösen (…). Jedenfalls wird deutlich: Religion ist zwar eine höchst persönliche Angelegenheit, aber sie hat große Auswirkungen auf die Gesellschaften dieser Welt. Sie ist eben keine Privatsache. (…) Unsere Gesellschaft braucht die Religionen. Sie braucht ihre Kräfte und sie braucht religiöse Toleranz (Offenheit gegenüber anderen Religionen). Es entspricht dem Kern des christlichen Glaubens, dass Menschenwürde, Menschenrechte und damit Religionsfreiheit den Gläubigen aller Religionen zustehen. Gegenseitiger Respekt und die Absage an jegliche Form von Gewalt zum Erreichen religiöser Zwecke sind Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben in unserer zunehmend pluralen (vielfältigen) Gesellschaft und für den Frieden zwischen Völkern, Kulturen und Religionen.“ (Zitate: Martin Dutzmann, Bevollmächtigter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union).

Betrachtet man das Problem global (weltweit), so stellt sich die Frage nach der Bedeutung zwar auch, aber, um es vorwegzunehmen, Statistik und Untersuchungen kommen zu etwas anderen Ergebnissen.

Religion bestimmt noch immer das Leben der meisten Menschen auf der Erde. Was folgt daraus? Der Siegeszug des Fundamentalismus? Ein „Kampf der Kulturen“? Die Erneuerung der Kirchen? Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf (72) ist ehemaliger Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München (GEO kompakt, Nr. 16). Dazu stellt er 10 Thesen (Mutmaßungen) auf. Einige seiner Überlegungen und Ergebnisse möchte ich Ihnen im Folgenden vorstellen.

Die Gegenwartsmoderne ist keine gottlose Zeit, sondern stark geprägt durch eine Attraktivität religiösen Glaubens.

Viele Forscher vertreten die Meinung, dass der Einfluss der Religion in modernen Gesellschaften kleiner werde. Aber bisher ist die Religion nicht verschwunden, vor allem außerhalb unseres Kontinentes ist ihr Einfluss größer geworden. Belegt wird dies durch die wachsenden Mitgliederzahlen. Vor 100 Jahren lebten in Afrika schätzungsweise zehn Millionen Christen und dreieinhalbmal so viele Muslime. Heute zählt man dort 330 Millionen Muslime und 350 Millionen Christen – vor allem südlich der Sahara. Aber auch in Lateinamerika und vielen asiatischen Ländern hat das Christentum erfolgreicher missioniert als der Islam. Dabei sind die Vertreter der Pfingstkirchen, hervorgegangen um 1900 aus dem reformierten Protestantismus, besonders erfolgreich. Sie predigen einen schwärmerischen, gefühlsbetonten Zugang zu Gott. In den Pfingstkirchen waren 1970 gerade einmal sechs Prozent aller Christen organisiert – heute sind es nach einigen Schätzungen gut 25 Prozent. Sie kommen inzwischen viel stärker auf der Südhalbkugel als in Europa und Nordamerika vor (Stand 2008).

Durch Migration gewinnt Religion neue Bedeutung.
Schon immer haben Menschen ihre Heimat verlassen. Geschichtlich gehört auch das Volk Israel dazu. Migration stärkt Religion, heißt ein Lehrsatz der Religionsforscher. Denn Auswanderung ist äußerst riskant, man bricht auf in eine unsichere Zukunft – und klammert sich auf schwierigen Wanderwegen an seinen Gott. Er sorgt in neuen, oft feindlichen Umgebungen für Identität. Und: Nicht wenige Menschen werden überhaupt erst durch Migration fromm. Man kann dies gut am Beispiel der USA studieren. Es ist immer noch das Einwanderungsland. Dort helfen seit jeher religiöse Institutionen den Neuankömmlingen, ihren Weg in die Gesellschaft zu finden. Das schafft ein enges Zugehörigkeitsgefühl zu diesen Gemeinden und Synagogen (s. auch Interview in diesem Heft). Dabei kann auch festgestellt werden, dass „Gottes Gesetz zur bestimmenden Norm der Gesellschaft werden soll“. Konservative, orthodoxe Religionen bieten starke Überzeugungen und Gewissheiten, sowie Nächstenliebe und Solidarität in einem sich ständig wandelnden gesellschaftlichem Umfeld.

Europa wird zum Einwanderungskontinent für Muslime.
Etwa zwei Drittel der fünf Millionen Muslime in Deutschland sind nach 2015/16 immer noch die türkischstämmigen Einwohner. Sie sehen sich aber eher als Türken (oder Syrer usw.) und weniger als gläubige Muslime. Da die Verhältnisse in den Ländern Europas unterschiedlich sind, was die Herkunftsländer der muslimischen Einwanderer betrifft, verbietet es sich, von „einem europäischen Islam“ zu sprechen. „Die Aufgabe des Staates ist es dabei, Bildungs- und Aufstiegschancen für alle zu ermöglichen“ – siehe Integration.

Viele Glaubenssucher verknüpfen Elemente unterschiedlicher religiöser Überlieferungen miteinander.
Jeder darf seit der Aufklärung nach seiner religiösen Fasson (Weise) selig werden. „Der moderne Mensch baut sich seine private Glaubenswelt zusammen, verknüpft etwa alte christliche Vorstellungen mit Symbolen und kultischen Praktiken anderer Religionen. Er veranstaltet im Gemeindehaus Yoga-Abende oder Zen-Mediationen. Alles Mögliche – Politisches, die Kunst, Tantra-Sex – kann religiös aufgeladen werden. Manche predigen Gesundheit als höchsten Wert und sehen in vegetarischen oder veganen Speisen das Heil. Und wenn sich Hamburger Fußballfans in einem Sarg oder einer Urne mit Vereinsemblem auf dem vereinseigenen Friedhof von einem Pfarrer beerdigen lassen, der statt einer liturgischen Stola den Vereinsschal trägt, hat auch der Fußball religiöse Züge gewonnen.“ Aber dieser bunten, irgendwie auch beliebigen Mischung stehen dann die stark bindenden, religiösen, konservativen Gemeinschaften gegenüber und sind genauso erfolgreich.

Fazit:
Menschen glauben einerseits an einen Sinn des Lebens, nehmen andererseits aber bei uns nicht unbedingt am Kirchenleben teil. Und es entstehen neue Gemeinden, die sich nicht an bestehende Gemeinden gebunden fühlen. Trotzdem: „Kirchen sind Krisenmanager für die Notfälle des Lebens und für die großen Krisen des Gemeinwesens. In jedem Fall werden die christlichen Kirchen – trotz einer gelegentlich sehr schlechten Darstellung und nachlassender Überzeugungskraft von einigen Teilen ihres Personals – auch in den kommenden Jahrzehnten die wichtigsten religiösen Akteure in Europa bleiben. Denn sie verwalten einen faszinierenden Schatz: ein uraltes religiöses Symbolkapital (Bilder) mit einer großen Ausstrahlung.“ (Graf).

von Jürgen Recihle

Literaturliste:
https://www.ekd.de/vortraege-d...

https://www.geo.de/magazine/ge...

Foto: by_Julien Christ_pixelio.de

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