Veröffentlicht von Doris Hüls am Do., 20. Aug. 2020 10:25 Uhr

Fast 500 Grafschafter und Emsländer waren am 18. Juli ins Stadion des SV Vorwärts Nordhorn gekommen, um die ev.-luth. Diakonin Inga Rohoff zu verabschieden. Nach Besucherregistrierung und Platzanweisung startete ein bunter Gottesdienst auf dem Sportlerfeld, der mit Livemusik und vielen persönlichen Beiträgen angereichert war.

Diakonin Inga Rohoff (41) leitet ab dem 1. August 2020 das neu geschaffene Referat für Diakoninnen und Diakone im Landeskirchenamt der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Sie ist künftig u.a. für Grundsatzfragen in der diakonisch-gemeindepädagogischen Arbeit, die Zusammenarbeit mit der Hochschule Hannover, Nachwuchswerbung sowie die Kommunikation zwischen der Landeskirche und der Berufsgruppe der rund 500 Diakoninnen und Diakone zuständig.

Grund genug, für Kollegen, Pastoren und den lutherischen Kirchenkreis, auf 17 fruchtbare Jahre mit der energiegeladenen Religionspädagogin dankbar zurückzublicken. Die von etlichen christlichen Jugendliedern aber auch Schlagern unterstützte Predigt hielt Pastor Thomas Kersten aus der Christus- und Kreuz-Kirchengemeinde. Er betonte das Gefühl und die Leidenschaft, mit der Rohoff immer unterwegs gewesen sei. Ob im Winter als Familien-Ski-Freizeit, im Sommer mit Jugendlichen auf Korsika oder bei legendären Konfirmandenfreizeiten. Und natürlich sei der Ort des Abschieds nicht nur wegen der Coronazeit so gewählt worden, erinnere er doch auch an das erfolgreiche Projekt „Weihnachtsliedersingen im Stadion“. „Du bist immer jemand, der die frohe Botschaft weitertragen muss und nicht warten will, bis die Leute dazu in die Kirche kommen. Du bist jemand, der aufbricht und mutig vorangeht. Wenn Jesus sagt, ich bin bei dir alle Tage bis ans Ende der Welt, dann stellt er uns alle heute unter seinen Segen. Dich als Aufbrechende ins Landeskirchenamt und uns als Bleibende in Nordhorn“, so Kersten.

Superintendent Dr. Bernd Brauer erinnerte in seiner Entpflichtungsrede an die Anfänge Rohoffs mit 11 zu betreuenden Gemeinden im Südbezirk des Kirchenkreises, später dann mit der Konzentration auf die Nordhorner Stadtgemeinden. „Der Drang und die Freude, Neues zu entdecken, sind immer kennzeichnend für Diakonin Rohoff gewesen“, so der Superintendent. Dafür sprächen ihr Engagement bei der Vernetzung von Kirche und Sport, auch auf EKD-Ebene oder zum Kirchentag und viele andere Projekte wie der Konfitag am Kloster Frenswegen. Sie sei die Richtige, um in Hannover für die Berufsgruppe der Diakone einzutreten und über die Gemeindepädagogik die Milieuverengung in Kirchengemeinden aufzubrechen.

Pastor Dieter Wiggers als Vorsitzender der ACK Nordhorns bezeichnete in seinem Grußwort Inga Rohoff als die Ökumenefrau schlechthin, zupackend, herzerfrischend für die Kinder- und Jugendarbeit Nordhorns. Sie sei forsch und schnell, manchmal sehr schnell. Deshalb überreiche er ihr eine stillstehende Uhr, damit sie auch mal an Pausen denke.

Weitere Grußworte des SV Vorwärts, für den Rohoff von 2016-2019 die Mädchen- und Frauenmannschaft geführt hatte, des Kirchenkreisjugenddienstes, der Kirchenvorstände und ein gesungenes der „Nordhorner Flying Reverends“, ließen keine Langeweile aufkommen.

Rohoff selbst dankte am Ende nicht nur den Anwesenden, unter denen sich auch erste Ex-KonfirmandInnen von 2003 befanden, sondern vor allem ihren Eltern, die sie in all den Jahren immer unterstützt hätten. „Egal ob Wechsel ins Landeskirchenamt oder die Farbe der Gardinen, immer waren sie mit Rat und Tat an meiner Seite, Danke!“ Sie dankte auch allen Teams, egal ob PastorInnen, JugendteamerInnen, KüsterInnen, KollegInnen oder Pfarrsekretärinnen, immer habe sie in Teams gearbeitet und das sehr gerne. „Besonders viel Herz habe ich in den Konfirmandenunterricht gesteckt und die Jugendarbeit. Ich habe mich immer um Vertrauen und Respekt bemüht. Besonders diese christlichen Werte werden in der ev. Jugend gelebt und das brauchen wir. Ich habe großes Gottvertrauen und das muss man auch haben, wenn man mit Jugendlichen unterwegs ist, zum Beispiel beim Mega-Unwetter auf Korsika, wo alles gut ausging. Ich wünsche uns allen, egal ob in Lingen, Nordhorn oder Hannover ein Behütet-Sein von Gott. Und jetzt sag ich Tschüss!“

von Ulrich Hirndorf

KIRCHE FÜR ALLE
WAS WIR VON INGA ROHOFF FÜR DIE KIRCHE DER ZUKUNFT LERNEN KÖNNEN

Wenn man anfängt, in einer Kirchengemeinde zu arbeiten, begegnen einem häufig schnell Namen der Vergangenheit, die immer wieder genannt werden: Michaelis, Plötze, Fuhrmann. Mit diesen Namen verbinden sich für viele Menschen lebendige Erinnerungen, wichtige Begegnungen, entscheidende Lebensereignisse. Zumeist sind es Menschen, die durch ihre jeweiligen Persönlichkeiten Kirche ein Gesicht gegeben haben, indem sie selbst Gesicht gezeigt haben. Es ist immer schwer, Geschichte schon im Voraus zu schreiben, aber ich vermute, dass auch noch in vielen Jahren von Diakonin Rohoff die Rede sein wird. Auch sie hat Kirche in fast zwei Jahrzehnten in Nordhorn ein Gesicht gegeben.
Warum glaube ich das? Ich bin in den letzten Jahren häufig für die Rubrik „Nachgefragt“ dieses Gemeindemagazins in der Stadt unterwegs gewesen. Bei jeder zweiten Person, die ich auf der Straße angesprochen habe, war es so, dass sie sagte: „Ja, lutherische Kirche kenn ich. Ich war bei Inga Rohoff schon vor 15 Jahren in der Jugend.“ Oder: „Ich war schon mal mit auf Skifreizeit.“ „Na klar! Korsika!“ Besonders bemerkenswert daran ist, dass durch Inga Rohoff Menschen in Kontakt mit der Kirche und dem Glauben gekommen sind, für die dies eigentlich nicht besonders nahe gelegen hätte. Inga hat selbst in den letzten Wochen von einer Milieuverengung von Kirche gesprochen.
Und dies ist genau zutreffend. In den letzten 10-15 Jahren hat es dazu mehrere Studien gegeben. In ihnen wurden die sogenannten Sinus-Milieus auch auf kirchliche Zusammenhänge angewendet. Ergebnis: Kirche hat besonders in den Milieus der Traditionellen und der bürgerlichen Mitte noch eine Bedeutung. In manchen anderen Milieus wie z. B. denen der sogenannten Expeditiven, Hedonisten oder auch Performer ist sie weitgehend bedeutungslos. Ohne zu tief in die Thematik einsteigen zu wollen: Kirche ist einfach zugänglicher für Menschen, die Johann Sebastian Bach schätzen als für diejenigen, die bei Après Ski-Hits feiern. Wie schwer es mir fällt, dass zu schreiben, weiß jeder, der mitbekommen hat, dass ich selbst mehr als einmal auf Freizeiten von genau dieser Musik aus Bluetooth-Lautsprechern von Inga Rohoff geweckt wurde und dann wochenlang mit Ohrwürmern wie „Wie heißt die Mutter von Niki Lauda, Mama laudaaaa“ leben musste. Diese Songs deutscher Hochkultur werde ich vermutlich nie vergessen (können).
Und zugleich ahne ich, dass viele Inga Rohoff nicht vergessen werden. Für das, was sie in Nordhorn bewegt hat. Für die Menschen, die durch sie mit dem Glauben in Kontakt gekommen sind. Dafür, dass sie Kirche ein Gesicht gegeben hat.

von Simon de Vries


Kategorien Gemeindeleben