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Maria und ihre Zeitgenossinnen

Maria und ihre Zeitgenossinnen
Veröffentlicht am Mo., 23. Nov. 2020 12:51 Uhr
Themenschwerpunkt

Als Christ denkt man dabei sofort an das Neue Testament (NT), in dem sowohl etwas über Frauen im Umfeld von Jesus als auch über Frauen zur Zeit des frühen Christentums geschrieben steht. Aber findet man in diesen Texten auch allgemeine Aussagen über die Rolle der Frau im 1. Jh. in Palästina und im östlichen Mittelmeerraum? Stimmt das neutestamentliche Frauenbild mit dem einer „typischen“ Frau jener Zeit überein oder hat sich das Bild durch das Wirken Jesu verändert?

Die Frauen in Palästina im ersten nachchristlichen Jahrhundert

Natürlich gibt es nicht DIE typische Frau. Die Rolle der Frau ist immer abhängig von der sozialen Struktur, also der gesellschaftlichen Schicht, in der sie lebt. Das lässt die Vermutung zu, dass damals eine Frau aus der oberen Gesellschaftsschicht mehr Vorteile und Freiheiten genoss, als wenn sie in unsicheren wirtschaftlichen Verhältnissen lebte.

Die Forschung über den historischen Jesus ermöglicht es uns heute, ein ziemlich genaues Bild von den sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umständen des Lebens in Palästina zu bekommen. Die Gesellschaft damals war, wie wir es schon im Alten Testament (AT) erfahren, durchweg von Männern bestimmt. Die Rangfolge in einem jüdischen Haushalt z. Zt. Jesu war klar geregelt. „Die Ehefrau war dem Mann untergeordnet, was beispielsweise durch das Füße-Waschen ausgedrückt wurde.“ Unter diesem Gesichtspunkt muss auch die Fußwaschung durch Jesus betrachtet werden. Eine Autorin spricht mit Blick auf das Palästina des 1. Jahrhunderts vom „strengsten Patriarchat“.

Damals wurden Frauen noch viel stärker als heute von ihrer Rolle her bestimmt. Dies wurde zum einen als gottgegeben bzw. religiös (AT) und zum anderen als naturgegebenbegründet. „Frauen waren angeblich schwach, ängstlich, kleinlich, geschwätzig, ohne Vernunft, gefühlsbetont und unkontrolliert.“ Ihr Tätigkeitsfeld war auf Haus- und Kinderarbeit beschränkt. In der Regel durften sie keinen Beruf ausüben. Blieb die Ehe kinderlos, konnten Frauen verstoßen werden. Dem Mann war es gestattet, auch mehrere Frauen zu haben. Zu der Zeit Jesu war aber die Einehe die Regel. Sie war für Männer billiger als die Vielehe, was auch für eine verbreitete Armut im Land spricht. In den Synagogen hatten die Frauen eine nur passive Rolle inne. Frauen durften zwar Geschäfte ausüben, mussten aber bei Streitigkeiten vor Gericht von einem Mann vertreten werden. Die Männer gestalteten das öffentliche Leben (Politik, Religion), zuhause hatten die Frauen das Sagen. Ähnliche Strukturen finden wir auch heute noch besonders ausgeprägt in der islamischen Welt.

Man vermutet, dass im Vergleich zu anderen Völkern des Mittelmeerraumes die palästinensischen Hebräerinnen im Durchschnitt eher zu den ärmeren Frauen der damaligen Welt gehörten. Eine Scheidung war katastrophal. In dieser Gesellschaft durften Frauen nicht alleine leben, weil dies nicht den gesellschaftlichen Normen entsprach. Sie waren auf das Wohlwollen irgendeines Familienzweigs angewiesen und von diesem finanziell und sozial abhängig. In diesem Licht betrachtet ist das von Jesus ausgesprochene Scheidungsverbot eigentlich zum Schutz der Frauen da. Auch Witwen ohne Söhne, die für sie sorgten, waren in Gefahr, in bitterer Armut zu enden (s.u.).

Die Frauen im Umfeld Jesu

Sehr ergiebig ist die Quellenlage des NT allerdings nicht. Nur wenige Texte in den Evangelien beziehen sich auf die Zugehörigkeit von Frauen zur Jesus-Bewegung. Die Autoren waren ausschließlich Männer und übernahmen auch Textteile von den anderen Evangelisten. Trotzdem geht die Forschung davon aus, „dass Frauen als Nachfolgerinnen Jesu eine wichtige Rolle gespielt haben. Einige Frauen zogen genauso wie die Jünger mit Jesus durch Palästina und trugen mit ihrem Vermögen zum Unterhalt der Gruppe bei. Dies kann durchaus als Nachfolge Jesu verstanden werden.“ Unter den Namen von Frauen, die Jesus nachfolgten, wird Maria, die Mutter Jesu, erwähnt. Bei der Verhaftung und Hinrichtung Jesu waren Frauen seines Umfeldes dabei und auch bei der Bestattung des Gekreuzigten. Sie eilten am dritten Tag danach zum Grab, um ihn einzubalsamieren. Dort verkündigte der Engel die Auferstehung Jesu und beauftragte die Frauen, den geflohenen Aposteln diese Botschaft zu überbringen. Das widersprach den Gepflogenheiten. „Die Apostel hielten ihren Bericht für reine Erfindung und glaubten ihnen nicht.” (Lk 24, 11). Es war auch eine Frau, die als Erste dem Auferstandenen begegnet: Maria aus Magdala.

Oft waren es Frauen, die von der Gesellschaft geächtet wurden, deren Jesus sich annahm. Er heilte die Tochter einer kanaanitischen Frau und verteidigte eine Ehebrecherin. Ein weiteres Beispiel für sein Wirken ist die Errettung des Sohnes der Witwe zu Naim.

Eine Verletzung der damaligen guten Sitten beging Jesus bei der Heilung einer Frau, die seit 12 Jahren an Blutungen litt. Jesus kümmerte sich während der Heilung nicht um diese rituelle Unreinheit. Diese rituelle Unreinheit spielt auch heute noch in der jüdischen Tradition eine Rolle.

Die Frauen in den frühen Gemeinden

Die Grußliste von Paulus im Römerbrief nennt zahlreiche Frauen und ihre Tätigkeiten, auch in der Gemeinde. Es gibt keinen Unterschied zwischen „dienenden und leitenden Aufgaben“. Diese Gleichberechtigung spiegelt sich auch in der Taufformel wider: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesu“.

Am Ende des ersten Jahrhunderts wird die o.g. Gleichberechtigung der Frauen bereits wieder eingeschränkt. „Eine Frau lerne in der Stille und in aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre und auch nicht, dass sie über den Mann herrsche, sondern sie sei still“, schreibt Paulus an Timotheus. Allerdings gibt es dazu heute unterschiedliche Deutungen. Letzten Endes kommt es erst nach Einführung des Christentums als Staatsreligion durch Kaiser Konstantin (313 n. Chr.) wieder zu einer starken Unterdrückung der Frauen in der Kirche.

Zusammenfassung

Tatsächlich erfahren wir aus den biblischen Quellen direkt oder indirekt etwas über die Situation und Rolle der Frauen um das Jahr 0 und im 1. nachchristlichen Jahrhundert. Mit der Entdeckung der frühchristlichen Texte in Ägypten, den sogenannten Nag Hammadi-Handschriften, und den Schriften vom Toten Meer erweiterte sich das Bild über das Judentum zur Zeit Jesus sowie über die Anfänge des Christentums.

Jesus nimmt die Frau als Person wahr. „Dabei gibt es bei ihm in der Begegnung mit den Frauen auch nicht einen Anflug von Erotik. Seine Zuwendung gilt allen Menschen ohne Unterschied der Person, der Rasse, des Standes oder auch des Geschlechtes.“ Seine Botschaft von der „Gottesherrschaft, die nahe herbeigekommen ist“, gilt allen, ohne Ausnahme. Er hat eine völlig andere Sicht von menschlicher Größe und menschlicher Kleinheit, er sieht das Kleine als groß und das Große als klein an. Das ist eine grundlegende Umwertung der bisher geltenden Werte. Jesus verhält sich zu den Frauen nicht anders als zu den Männern, manchmal auch etwas distanziert. Er unterhält sich mit ihnen, auch öffentlich, und setzt sich dabei über die Sitten seiner Zeit hinweg. Er verteidigt die eheliche Gleichberechtigung. Er beruft auch Frauen in seine Jüngerschaft und lässt sich von ihnen materiell unterstützen. Das neutestamentliche Frauenbild weicht also deutlich von dem seiner gesellschaftlichen, hebräischen Umgebung ab. Später im Zuge der Missionierung bis nach Rom unterscheidet sich dieses Bild auch von der griechisch-römischen Umgebung. Maria, die Mutter Jesu, nimmt vielleicht eine Art Zwischenstellung ein. Während ihrer Ehe mit Joseph, dem sie vermutlich mehrere Kinder gebar, lebte sie in den gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Zeit. Später, als die Kinder erwachsen waren und der vermutlich viel ältere Ehemann wahrscheinlich nicht mehr lebte, ist sie Teil der Jüngerschaft ihres Sohnes. Und nimmt später wie auch Jakobus, der Bruder des Herrn, eine herausgehobene Stellung in der Urgemeinde ein.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Jesus einen neuen Umgang mit Frauen pflegte. Eine Autorin folgert, dass daraus rückwirkend gesehen auch ein neues Verständnis des Mannes entsteht. Die Psychotherapeutin und Theologin Hannah Wolff hat deswegen in einem Buch Jesus als den „neuen Mann“ bezeichnet.

von Jürgen Reichle

Verwendete Literatur:

(1)    Anonyma: Jesus und die Frauen. Auszug aus einem noch unveröffentlichten Manuskript „Die Frau in den Weltreligionen“ (s. 7)

(2)    https://www.die-bibel.de/bibel...

(3)    https://religion.orf.at/v3/lex...

(4)    https://www.futurechurch.org/j...

(5)    https://www.israel-spezialist....

(6)    http://www.klaus-heidegger.at/...

(7)    https://www.ulrich-walter-dieh...