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Vielfalt in der Sprache

Vielfalt in der Sprache
Veröffentlicht am Mi., 23. Feb. 2022 11:54 Uhr
Themenschwerpunkt

Wie wir sprechen, ist wichtig. Unsere Sprache hat sich in der Vergangenheit verändert und wird dies auch in Zukunft tun. Auf welche Weise sie sich verändert, das können wir auch bewusst mitgestalten.

Wie wir sprechen, verändert auch unser Denken. Wenn ich zum Beispiel sage: „Die zwei Ärzte traten an das Bett des Patienten.“ wird bei den meisten von uns ein inneres Bild mit drei männlichen Personen entstehen. Vermutlich übrigens mit drei weißen männlichen Personen.

Studien haben gezeigt, dass Mädchen sich sogenannte typisch männliche Berufe (im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) eher zutrauen, wenn man sie in geschlechtergerechter Sprache zu diesen Berufen befragt. Das heißt ganz konkret: Wer nicht „Automechaniker“ sagt, sondern auch von Automechanikerinnen im Alltag spricht, eröffnet jungen Menschen neue spannende Perspektiven für ihr Leben. Dies ist nur ein kleines Beispiel. Unsere Sprache ist in vielen Bereichen sehr aus der Perspektive weißer Männer gedacht. Und es ist nicht ganz zufällig, dass gerade in dieser Gruppe auch besonders wenig Notwendigkeit zur Veränderung gesehen wird.

Ich bemühe mich seit einiger Zeit, beim Schreiben und Sprechen einen Doppelpunkt wie in „Leser:innen“ (andere nehmen ein Sternchen) zu verwenden. Es ist der Versuch, alle Geschlechter sprachlich mitzudenken. Es ist etwas holprig im Sprachbild und vielleicht gibt es schon jetzt oder irgendwann einmal später bessere Lösungen (und manche Kritik daran finde ich auch nachdenkenswert), aber es ist allemal besser, als in männlich dominierten Weltbildern steckenzubleiben. Sprache verändert eben Denken.

In einem heute-journal-Gespräch zwischen Marietta Slomka und dem Kabarettisten Marius Jung sprachen die beiden unlängst über den Mangel an brauchbaren Worten, die uns zur Verfügung stehen. So gibt es zum Beispiel kein gutes deutsches Pendant zu dem Begriff BiPoC (Black, Indigenous and People of Color). Jung betont, dass dieses Vokabel-Defizit überhaupt für Menschen gilt, die nicht „der Norm“ entsprechen.

[Kleines Experiment am Rande: Wie haben Sie sich Marius Jung gerade, falls Sie ihn noch nicht kennen, optisch vorgestellt? Googlen Sie mal, wie er tatsächlich aussieht.] Einen Tag zuvor hatte Slomka in ihrer Moderation den Begriff „Rassenunruhen“ im Hinblick auf die USA verwendet. Während aber in den USA der Begriff „race“ stark sozial konnotiert ist, verwenden wir ihn im Deutschen vor allem biologistisch. Er suggeriert insofern etwas, was es nachweislich nicht gibt. In vorbildlicher Weise thematisierte Slomka dies dann in der Folgesendung selbstkritisch und zeigte so, dass auch sensibilisierte Menschen (wie viele von uns) immer wieder in alte Sprachmuster verfallen.

Noch ein anderes Beispiel: „Fremdenfeindlichkeit“ wird oft als Synonym für Rassismus verwendet. Problem dabei: Wir machen Menschen, die oft seit Generationen in Deutschland leben, sprachlich zu Fremden. Oftmals haben wir gesetzlich schon längst die Voraussetzungen für Gleichbehandlung geschaffen, aber Sprache hält die Ungerechtigkeit weiter am Leben.

Sprache macht auch Dinge sichtbar. Die Politikerin und Publizistin Marina Weisband schreibt: „Rassismus funktioniert – genau wie andere Unterdrückungsstrukturen – dadurch, dass er für Unbetroffene unsichtbar ist. Um ihn aufzulösen, müssen wir ihn sichtbar machen und über ihn sprechen. […] Ich höre oft: „Man weiß ja gar nicht, was man heute noch sagen darf.“ Dazu Folgendes: „Wenn du nicht weißt, was du sagen darfst, um deine Mitmenschen nicht zu verletzen, dann hast du sie nicht gefragt. Du hast nicht mit ihnen gesprochen. Und wir müssen sprechen.“

Ganz ehrlich: Ich bin auch oft unsicher, welche Worte ich nehmen soll. Ich möchte niemanden verletzen, ich weiß manchmal die genaue Bedeutung mancher Worte nicht oder deren Hintergründe und möchte nicht rassistisch oder sexistisch sein. Was ich mir immer wieder selbst gerade sage: Diese Verunsicherung ist zunächst etwas Gutes und Notwendiges. Sie sensibilisiert mich. Sie bricht Verkrustungen auf und macht offen für neue Denkmuster. Bei aller Gewalt, die Menschen (auch sprachlich) erlitten haben, ist meine eigene temporäre Verunsicherung das deutlich kleinere Problem. Und ich kann ja tatsächlich einfach mein Gegenüber auch fragen, welche Worte hilfreich und nicht diskriminierend sind.

Wirklichkeit verändert sich, wenn sich Sprache verändert. Deshalb übe ich mich darin und versuche, seit einiger Zeit, auch im Redefluss „Kolleg:innen“ und nicht „Kollegen“ zu sagen (mit so einer Mini-Pause vor dem „i“) oder LGBTQ oder BiPoC. Manchmal verhaspele ich mich dabei oder ich bringe die Buchstaben durcheinander. Das macht nichts. Wir sind alle Lernende. Das darf man auch merken.

Simon de Vries